Anpassungsstörung

Die Anpassungsstörung ist eine Erkrankung, die während oder nach belastenden Lebenserfahrungen, wie zum Beispiel schweren Erkrankungen, Trauerfällen, Arbeitsplatzveränderungen, finanziellen Schwierigkeiten, Partnerschaftsproblemen oder ähnlichem entwickeln kann.

Was ist eine Anpassungsstörung?

Der etwas ungünstige Name “Anpassungsstörung” kann leider leicht missverstanden werden. Wir haben in unserer klinischen Tätigkeit wiederholt Patientinnen und Patienten erlebt, die sich sehr betroffen oder verärgert bei uns gemeldet haben, weil ihnen ihr Arzt eine “Anpassungsstörung” diagnostiziert habe.

Die Verärgerung trat dabei meistens auf, weil die Betroffenen befürchteten, ihr Arzt würde ihnen “eine gestörte Anpassung”, “fehlende Anpassungsfähigkeit” oder etwas ähnliches vorwerfen.

Der Name Anpassungsstörung soll dabei etwas anderes ausdrücken: Wie oben bereits beschrieben, tritt diese Erkrankung während oder nach belastenden Lebensereignissen auf - also in der Phase, in der man sich an diese veränderten Lebensumstände anpassen muss.

Wie Sie vielleicht aus Ihrer eigenen Erfahrung kennen, ist dieser Anpassungsprozess aber oftmals mit großen Hürden verbunden: Wie reagiere ich auf den Verlust eines geliebten Angehörigen? Wie gehe ich mit der Diagnose einer chronischen Erkrankung und mit den Folgen dieser Erkrankung um? Wie kann ich eine plötzliche Arbeitslosigkeit oder den Übergang ins Rentenalter bewältigen?

Hilflosigkeit

Diese und ähnliche Fragen stellen sich immer wieder nach größeren Veränderungen im Leben. Und genau an dieser Stelle kommen wir an einen entscheidenden Punkt: Habe ich den Eindruck, dass ich diese Veränderungen bewältigen kann? Oder fühle ich mich ausgeliefert, hilflos, voller Sorgen in Bezug auf die Zukunft?

Diese letzten Fragen sind so wichtig, da sie einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie gut oder schlecht ich diese Veränderung in meinem Leben bewältigen kann.

Sie kennen diesen Bericht einer Betroffenen vielleicht auch ähnlich aus Ihrer eigenen Erfahrung:

Erfahrungsberichte

Marianne, 51 J.:
“Eigentlich bin ich jemand, der Stress und Belastungen sehr gut wegstecken kann. Ich habe in meinem Leben schon ein paar Mal kämpfen müssen, aber bisher habe ich immer wieder alles regeln können. Bergab ist es erst gegangen, als meine Mutter gestorben ist. Plötzlich ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Und gerade in dieser Zeit habe ich einen riesigen Stress bei der Arbeit gehabt, meine Kollegin war krank, nichts ging mehr. Ich bin dann irgendwann bei der Arbeit zusammengeklappt, mir war alles zuviel...”

Zurück zu unseren Fragen von oben: Der entscheidende Unterschied, wie gut oder schlecht ich mit einer Veränderung in meinem Leben zurecht komme, ist zumeist die Frage, ob ich die Veränderungen beeinflussen und kontrollieren kann, oder ob ich mich ihnen hilflos ausgeliefert sehe.

Eustress oder Distress?

Genau an dieser Stelle kippt der Effekt, den Belastungen und Stress auf mich haben:

So lange ich das Gefühl habe, dass ich den Belastungen gewachsen bin, kann ich vieles aushalten. Es kann sogar dazu kommen, dass mich die Herausforderungen in meinen Kräften wachsen lassen - der so genannte Eustress, sie kennen ihn vielleicht.

Ganz anders wird es, wenn der Punkt kommt, an dem ich merke, dass mir die Kontrolle entgleitet. Sobald sich Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein einstellen wandelt sich der Eustress zum Distress - im Englischen “distress”, also “Not”, “Bedrängnis”, “Elend”...

Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, des Kontrollverlusts führt bei fast jedem Menschen dazu, dass sich jetzt auch die Stimmungslage verändert. Wo vorher vielleicht noch Gefühle von Herausforderung und Ehrgeiz waren, kommen jetzt Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Depressivität.

Die Anpassungsstörung ist dabei sozusagen die “kleine Schwester” der Depression. Also, ein leider etwas schwacher Trost: Zum Glück sind die Probleme noch nicht so weit fortgeschritten, dass die Ärzte von einer Depression reden würden.

Und trotzdem: Die ersten Symptome einer Anpassungsstörung sind ähnlich: Depressive Verstimmungen, Sorgen, Ängste,...

Nun zum - zumindest teilweise - “Guten”: Die Symptome der Anpassungsstörung halten zumeist nicht länger als sechs Monate an.

... ... ... Ein halbes Jahr mit diesen Beschwerden???

...

Bevor wir nach Wegen suchen, wie sich dieser Zeitraum abkürzen lässt, noch einmal zurück zu unserer anfänglichen Frage:

Was ist eine Anpassungsstörung?

Also: Eine Anpassungsstörung ist eine Erkrankung, die sich während schwierigen Anpassungsprozessen im Leben beziehungsweise nach belastenden Ereignissen einstellen kann. Die Symptome ähneln einer Depression, sind aber nicht so stark ausgeprägt wie bei einer Depressiven Störung. Die Beeinträchtigungen halten zumeist nicht länger als 6 Monate an, es besteht aber die Gefahr, dass die Anpassungsstörung unbehandelt zum Beispiel in eine depressive Episode übergehen kann.

ICD-10 F43.2

Was bedeutet die Diagnose F43.2? Die medizinischen Diagnosen werden zur Vereinheitlichung oftmals nach der so genannten International Classification of Diseases (ICD-10) codiert.

Der Diagnoseschlüssel F43.2 steht dabei für die Anpassungsstörung.

Anpassungsstörung - Welche Therapie?

Wie oben schon beschrieben, hat die Anpassungsstörung wenigsten einen “etwas positiven Aspekt”: Sie bildet sich zumeist spätestens ein halbes Jahr nach den belastenden Veränderungen wieder zurück.

Wann und warum sollte ich mir Gedanken über ein Therapie machen?

Entsprechend stellt sich die Frage: Wann sollte ich mir Gedanken über therapeutische Hilfen machen? Die Antwort darauf lautet:

An diesem Punkt sollte die Überlegung kommen, sich zunächst einmal an den Hausarzt zu wenden, um über die Probleme zu reden.

Der nächste Schritt ist, sich wegen der Behandlung einmal an einen Psychotherapeuten zu wenden - also an einen Psychologen oder psychotherapeutisch tätigen Arzt.

Medikamente gegen die Anpassungsstörung?

Brauche ich bei einer Anpassungsstörung Medikamente?

Die Antwort auf die Frage, ob ich bei einer Anpassungsstörung Medikamente brauche, ist wie so oft ein klares “Jein!”.

Die Entscheidung für oder gegen Medikamente richtet sich wieder danach, wie stark ich mich durch die Beschwerden im Alltag eingeschränkt fühle.

So lange die Symptome der Anpassungsstörung gut zu bewältigen sind und im Lauf der Zeit - vielleicht auch mit Hilfe eines Psychotherapeuten - wieder weniger werden, kann zumeist auf Medikamente verzichtet werden.

Aber sobald ich merke, dass die Beschwerden trotz aller Bemühungen nicht besser werden, wäre es gut, mit meinem Arzt auch über die Möglichkeiten einer medikamentösen Behandlung der Anpassungsstörung zu reden.

Zum Einsatz kommen dabei zumeist Medikamente aus der Gruppe der so genannten Antidepressiva, da diese die besten Erfolge in Bezug auf Stimmung, Verbesserung der Antriebslosigkeit und Schlafstörungen, Verminderung des Grübelns und der Zukunftssorgen haben.