Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen gehören zu einem der häufigsten Krankheitsbilder in Deutschland. Die chronischen Schmerzen können bei den Betroffenen neben den körperlichen Einschränkungen auch zu verschiedensten seelischen und sozialen Folgen führen.

Die Therapie der chronischen Schmerzen gestaltet sich oft als schwierig und für die Betroffenen unbefriedigend. Auf dieser und den folgenden Seiten finden Sie Informationen über Chronische Schmerzen und die Behandlungs­möglichkeiten.

Wie werden chronische Schmerzen behandelt?

Schmerzen können vielerlei Gesichter haben, deswegen ist es zur Antwort auf die oben genannte Frage zunächst einmal sehr wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass in der Schmerztherapie zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterschieden werden muss:

Akute Schmerzen oder chronische Schmerzen

Akute Schmerzen haben eine wichtige Funktion im menschlichen Körper. Sie sind häufig ein wichtiges Warnsignal, dass eine akute Schädigung des Körpers droht oder bereits stattgefunden hat. Durch diese Warnfunktion sollen die akuten Schmerzen eigentlich eine wichtige Hilfe für den Menschen sein, um sich vor einer weiteren Schädigung zu schützen.

Als Chronische Schmerzen bezeichnet man demgegenüber Schmerzen, die länger als sechs Monate andauern. Die chronischen Schmerzen haben die direkte Warnfunktion oft verloren und stellen für die betroffenen Schmerzpatienten eine große Belastung dar.

Bei akuten Schmerzen ist die Ursache des Schmerzes oft bekannt, wie z.B. ein schmerzender Zahn oder ein gebrochenes Bein. In der Therapie der akuten Schmerzen versucht man deswegen zunächst, die Ursache der akuten Schmerzen wieder zu beseitigen um dadurch eine Schmerzfreiheit zu erzielen.

Chronische Schmerzen haben demgegenüber häufig sehr vielschichtige Ursachen, oftmals verbunden mit körperlichen oder seelischen Schäden, die nicht “einfach so” wieder behoben werden können. Deswegen ist die Behandlung der Schmerzursache bei chronischen Schmerzen - wenn sie überhaupt möglich ist - oft ein langwieriger Prozess mit zum Teil für die Schmerzpatienten nur unbefriedigendem Ergebnis.

Viele Schmerzpatienten erleben auch, dass trotz diverser medizinischer Untersuchungen überhaupt keine direkte “Ursache” für ihre Schmerzen gefunden wird, so dass eine Therapie schwierig (aber zum Glück nicht unmöglich) wird. Da es in diesem Fällen zumeist nicht gelingt, eine mögliche Ursache der Schmerzen komplett “zu beheben”, müssen andere Therapiemöglichkeiten angedacht werden. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Behandlung der weitreichenden Folgen der Schmerzerkrankung gelegt.

Körperliche Folgen der chronischen Schmerzen

Neben den körperliche Einschränkungen durch die Schmerzen selbst, führt die Erkrankung an chronischen Schmerzen häufig zu weiteren unangenehmen Folgen für das Muskel- und Skelettsystem. Der chronische Schmerz kann schnell dazu führen, dass sich die Betroffenen vermehrt schonen, um die Schmerzen erträglich zu machen.

Die Schonung führt jedoch innerhalb kurzer Zeit zu einem Abbau von Muskulatur und Kondition und somit zu einer verminderten Leistungsfähigkeit. Dies wirkt sich wiederum sehr ungünstig auf die Schmerzerkrankung aus, so dass sich hieraus ein Teufelskreis entwickeln kann.

Soziale Folgen der chronischen Schmerzen

Akute Schmerzen sind oft “sichtbar”, jeder kennt sie, jeder kann mitfühlen. Auf den Gipsarm oder die “dicke Zahnschmerzen-Backe” reagieren die Mitmenschen deswegen zumeist mit Mitleid und Unterstützung.

Chronische Schmerzen sind demgegenüber häufig unsichtbar und das Ausmaß der Schmerzen ist für Gesunde oft nicht zu fassen. Dies kann leider dazu führen, dass Schmerzpatienten wiederholt auf Unverständnis stoßen. Viele chronische Schmerzpatienten befürchten auch, von anderen Menschen als “Simulanten” oder “Drückeberger” abgestempelt zu werden.

Darüber hinaus führen die chronischen Schmerzen bei vielen Betroffenen zu einem zunehmenden sozialen Rückzug mit Verlust der früher gerne ausgeübten Hobbies, zunehmender Verkleinerung des Freundeskreises und oft auch Problemen am Arbeitsplatz. Chronische Schmerzen können dadurch erhebliche Folge im sozialen Umfeld der Schmerzpatienten verursachen.

Seelische Folgen der chronischen Schmerzen

Die andauernde Belastung durch die chronischen Schmerzen kann bei vielen Betroffenen im Verlauf der Erkrankung neben den körperlichen Einschränkungen auch zu Auswirkungen auf ihr seelisches Befinden führen. Gerade Menschen, die über lange Jahre immer wieder unter chronischen Schmerzen leiden müssen, erleben sich oft zermürbt durch die ständige Belastung.

Dies kann zusammen mit Sorgen über eine mögliche weitere Verschlechterung der Schmerzen, den Veränderungen im sozialen Umfeld, Problemen wie Arbeitsplatzverlust usw. im Lauf der Jahren zu einer zunehmenden Verschlechterung der Stimmungslage und zum Auftreten von seelischen Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten oder Burn-Out führen.

Therapie chronischer Schmerzen

Da chronische Schmerzen wie oben beschrieben ein sehr komplexes Geschehen sind, muss die Schmerztherapie diesem gerecht werden. Eine optimale Therapie chronischer Schmerzen setzt sich deswegen aus einem individuellen Behandlungskonzept zusammen, dass sowohl die körperlichen, sozialen und seelischen Folgen der Schmerzerkrankung berücksichtigt.

Sport- und Bewegungstherapie / Krankengymnastik

Eine den persönlichen Bedürfnissen der Schmerzpatienten angepasste Bewegungstherapie ist zumeist ein wichtiger Bestandteil der Schmerztherapie. Viele Schmerzpatienten erleben dabei neben der Krankengymnastik auch Verfahren wie z.B. die Feldenkrais-Gymnastik als sehr hilfreich.

Medikamente bei chronischen Schmerzen

In der medikamentösen Schmerztherapie muss, wie oben schon erwähnt, zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterschieden werden.

In der Behandlung von akuten Schmerzen setzt man vorrangig Medikamente mit einer kurzen Wirkdauer und einem schnellen Wirkungseintritt ein, wie z.B. schnellwirksame Tabletten, Tropfen oder Injektionen. Dies hat den Vorteil, dass eine schnelle Wirkung erzielt werden kann, auch langanhaltende Nebenwirkungen können so oft vermieden werden.

Bei der Therapie chronischer Schmerzen werden demgegenüber in der Basistherapie Medikamente mit langer Wirkdauer und möglichst gleichmäßiger Wirkstoffabgabe bevorzugt wie z.B. Retard-Tabletten oder Schmerzpflaster. Vorteile der langwirksamen Schmerzmittel sind u.a. ein möglichst gleichmäßiger Medikamentenspiegel im Körper, eine durchgehende Wirkung auch Spätnachts bzw. Frühmorgens und ein dadurch erstrebtes “Umerziehen” des Schmerzgedächtnisses. Diese Medikamente werden dann zumeist nach einem festen Zeitschema und nicht nur “nach Bedarf” eingenommen. Als Ergänzung zur Basismedikation ist dann gegebenenfalls noch eine zusätzliche Bedarfsmedikation mit schnellwirksamen Präparaten zur Behandlung von akuten Schmerzspitzen sinnvoll.

Aus der Vielzahl der Schmerzmedikamente können hier nur einige beispielhaft dargestellt werden. Insgesamt ist wichtig zu beachten, dass Medikamente nur ein Baustein der Schmerztherapie sind, und andere Therapieverfahren oft für einen anhaltenden Therapieerfolg unumgänglich sind.

Opioide bei chronischen Schmerzen

Als Opioide bezeichnet man Medikamente, die auf die körpereigenen Opioidrezeptoren wirken. Diese Opioidrezeptoren befinden sich an wichtigen Schaltstellen im schmerzleitenden und schmerzwahrnehmenden System des Körpers. Durch eine Beeinflussung dieser Opioidrezeptoren kann so eine direkte Schmerzlinderung erreicht werden.

Da es im menschlichen Körper jedoch verschiedene Opioidrezeptoren gibt und diese sich nicht nur im Schmerzsystem befinden, kann die Einnahme von Opioiden zu unterschiedlichen Nebenwirkungen führen wie zum Beispiel einer Beeinflussung der Darmtätigkeit mit Auftreten von Obstipation (Verstopfung) sowie einer Wirkung auf das “Brechzentrum” mit Auftreten von Übelkeit oder Erbrechen.

Die Entwicklung einer Opioid-Abhängigkeit ist bei chronischen Schmerzpatienten eher selten und kommt vorrangig bei Einnahme kurzwirksamer Präparate vor. Eine so genannte Toleranzentwicklung ist demgegenüber bei längerem Opioidgebrauch häufig, da der Körper sich an das Medikament “gewöhnt”. Dies kann als positiven Effekt zu einer Abnahme von Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Müdigkeit führen. Als unerwünschter Effekt kann durch die Toleranzentwicklung jedoch auch die Schmerzlinderung der Opioide abnehmen.

Muskelrelaxanzien bei chronischen Schmerzen

Da chronische Schmerzen häufig durch schmerzhafte Muskelverspannungen ausgelöst oder aufrecht erhalten werden, kommen in der Schmerztherapie bei entsprechender Indikation auch so genannte Muskelrelaxanzien zum Einsatz. Dabei kann zwischen eher “zentral” wirksamen Medikamenten wie z.B. Tetrazepam und eher “peripher” wirksamen Medikamenten wie z.B. Tolperison unterschieden werden. Eine Besonderheit stellt z.B. der Wirkstoff Flupirtin dar, von dem auch ein hilfreicher Effekt auf die “Schmerz-Chronifizierung” angenommen wird. Die Muskelrelaxanzien können bei schmerzhaften Muskelverspannungen eine wirksame Hilfe sein, sollten jedoch Entspannungsübungen und adäquate Gymnastik nicht ersetzten.

Antidepressiva bei chronischen Schmerzen

Bei chronischen Schmerzen kann – im Unterschied zur Behandlung von akuten Schmerzen – der begleitende oder alleinige Einsatz von Antidepressiva zur Schmerzdistanzierung und zur Verminderung des emotionalen Leidensdruck oft effektiver sein, als die alleinige Behandlung mit klassischen Analgetika (Schmerzmitteln). Dabei kommen Wirkstoffe wie z.B. Amitriptylin (z.B. Saroten®), Clomipramin (z.B. Anafranil®) oder Duloxetin (z.B. Cymbalta®) zum Einsatz.

In der Behandlung wird dabei zumeist mit einer niedrigeren Dosierung als bei Depressionen begonnen, die dann im Verlauf langsam aufdosiert wird, z.B. beginnend mit 10 mg Amitriptylin abends und Steigerung alle 1-2 Wochen.

Die schmerzdistanzierende Wirkung der Antidepressiva tritt erst nach ca. 10-14 Tagen ein. Letzteres sollte den Patienten mitgeteilt werden, damit sie die Antidepressiva nicht vorzeitig wegen vermuteter “Unwirksamkeit” wieder absetzten.

Antikonvulsiva bei chronischen Schmerzen

Antikonvulsiva wie z.B. Carbamezepin (z.B. Tegretal®), Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder Pregabalin (z.B. Lyrica®) werden vorrangig in der Behandlung neuropathischer Schmerzen (“Nervenschmerzen”) eingesetzt. Man vermutet eine Wirkung durch eine “Stabilisierung” der Nervenzellen mit einer Reduktion der bei einigen “Nervenschmerzen” krankhaft gesteigerten Entladungen der Nervenzellen.

Capsaicin /Capsicum

Capsaicin, der scharfe Inhaltsstoff der Pfefferschoten, ist z.B. in einigen “Wärmepflastern” oder “Schmerzsalben” enthalten. Er zeichnet sich durch eine zumeist gute Verträglichkeit aus. Neben dem oft als angenehm erlebten “wärmenden” Effekt bewirkt er eine “Desensibilisierung” der Schmerzrezeptoren.

Psychotherapie bei chronischen Schmerzen

Man weiß heute, dass psychische Faktoren einen großen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben können. Neben der körperlichen Reaktion auf einen Schmerzreiz können unter anderem frühere Schmerzerfahrungen, persönliche Belastungsfaktoren, seelische Vorerkrankungen oder auch die individuellen Bewältigungsstrategien einen großen Einfluss auf das Schmerzerleben haben. Hinzu kommt, dass chronische Schmerzen für die Betroffenen häufig auch eine erhebliche seelische Belastung darstellen, so dass viele Betroffene im Verlauf ihrer Erkrankung neben den Schmerzen auch Depressionen oder Ängste entwickeln.

Die Psychotherapie versucht, den Betroffenen trotz (oder gerade wegen) ihrer Schmerzen den Lebensmut zurück zu geben und mögliche seelische Verstärker oder Auslöser der Schmerzerkrankung zu erarbeiten. Ziele der Behandlung sind u.a. eine Beeinflussung des Schmerzgedächtnisses sowie der (Wieder-)Aufbau einer zufrieden stellenden Lebensqualität.

Bausteine einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Schmerztherapie sind dabei neben der Informationsvermittlung unter anderem die Analyse und Veränderung von schmerzverstärkender Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen sowie die Vermittlung von Schmerzbewältigungsstrategien wie Entspannungs- und Atemtechniken oder Imaginationsübungen. Durch das Erlernen der so genannten Kognitiven Umstrukturierung können die Schmerzpatienten neue Herangehensweisen an und Umgangsmöglichkeiten mit dem Schmerz lernen.

Das Therapieziel der psychosomatischen Schmerztherapie ist dabei nicht primär das Erreichen einer völligen Schmerzfreiheit, sondern die Steigerung von Selbstwirksamkeit und Lebensqualität, das Erlernen einer “aktiven Schmerzkontrolle”, der Aufbau von mehr Lebensfreude und der Abbau von psychischen Beeinträchtigungen wie z.B. Depressionen und Ängsten. Die negativen psychischen und sozialen Folgen des Schmerzes sollen im Laufe der Therapie soweit möglich verringert und das Leben mit bzw. trotz der Schmerzen wieder lebenswert werden.

Entspannungsverfahren

Entspannungsverfahren können eine wirksame Unterstützung in der Schmerztherapie sein. Viele Schmerzpatienten erleben insbesondere die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (PME) als hilfreich.

Schmerztagebuch

Ein weiteres Hilfsmittel in der Therapie kann das Führen eines Schmerztagebuches sein. Dies kann z.B. neben der reinen Schmerzstärke auch die Beeinträchtigung durch die Schmerzen sowie die Beeinflussbarkeit der Schmerzen erfassen und so einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Steuerung der Therapie leisten.

Biofeedback-Training

Ein Biofeedback-Training kann ein sehr wirkungsvolles Therapieelement in der Behandlung chronischer Schmerzen darstellen. Ziele des Biofeedback-Trainings sind u.a. die Sensibilisierung der Betroffenen für psychophysiologische Zusammenhänge, die Unterbrechung schmerzverstärkender physiologischer Prozesse wie z.B. von Muskelverspannungen oder einem erhöhten Anspannungsniveaus, die Verbesserung der Entspannungsfähigkeit und der Körperwahrnehmung sowie das Erlernen einer gezielten Beeinflussung körperlicher Vorgänge wie z.B. durch das in der Migräne-Therapie eingesetzte Vasokonstriktionstraining.

Weitere Behandlungsverfahren in der Schmerztherapie

Andere Behandlungsverfahren, die im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie eingesetzt werden können, sind z.B. die Gestaltungstherapie oder die Sozialtherapie. Um den Umfang dieser Internetseite nicht zu groß werden zu lassen - und nicht etwa um die Wichtigkeit dieser Therapieverfahren zu relativieren - verzichten wir hier aber auf eine ausführlichere Darstellung.