Klinische Psychologie
und Psychotherapie

Klinische Psychologie und Psychotherapie

Psychodynamische Psychotherapie

Übersicht

Die psychotherapeutischen Verfahren, die den unbewusst ablaufenden Prozessen eine wichtige Bedeutung für das menschliche Erleben und Verhalten sowie für die Entstehung und Chronifizierung bestimmter seelischer Erkrankungen beimessen, werden heute unter der Bezeichnung Psychodynamische Psychotherapie zusammengefasst.

Neben der klassischen Psychoanalyse werden dazu u.a. die so genannte Neopsychoanalyse, die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Individualpsychologie gezählt. Neuere therapeutische Ansätze mit psychodynamischem bzw. tiefenpsychologischem Hintergrund sind u.a. die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie nach Luise Reddemann und die Transference-Focused-Psychotherapy (TFP) nach Otto F. Kernberg, John F. Clarkin und Frank E. Yeomans

© Dr. Sandra Elze & Dr. Michael Elze
Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.com
 

Erste Ansätze

Die  ersten Ansätze der tiefenpsychologischen und psychodynamischen Theorien wurden bereits Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt. Bereits Arthur Schopenhauer (1788-1860) beschrieb psychologische Beobachtungen hinsichtlich unbewusster Vorgänge. Auch die Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) und Friedrich Nietzsche (1844-1900) betonten die Bedeutung unterbewusster Gefühle und Werte. 1869 veröffentlichte Eduard v. Hartmann (1842-1906) die „Philosophie des Unbewussten“.

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Psychodynamische Psychotherapie:
Theorien und Modelle

Strukturelles Persönlichkeitsmodell

Sigmund FreudDie Theorie des Strukturellen Persönlichkeitsmodell, auch unter den Bezeichnungen Strukturmodell der Psyche, Zweite Topik und Drei-Instanzen-Modell bekannt,  wurde von Sigmund Freud erstmals 1923 publiziert (vgl. Freud 1923).

In diesem Modell postuliert Freud einen strukturellen Aufbau der Psyche aus drei Instanzen: Dem Über-Ich, dem Ich und dem Es.
 

Über-Ich

Als Über-Ich bezeichnet Freud denjenigen derjenige der Psyche, der die Normen und Ideale eines Individuums beinhaltet. Eine Unterinstanz des Über-Ichs, dass sogenannte Ich-Ideal, umfasst die individuellen Wert- und Zielvorstellungen eines Menschen.

Es

Das Es umfasst demgegenüber die sogenannten Triebimpulse, also z.B. Emotionen wie Liebe und Hass.

Ich

Das Ich übernimmt nach Freud die Funktion eines Vermittlers zwischen dem Über-Ich, dem Es und der Umwelt. Das Ich muss dafür Sorge tragen, dass die Normen des Über-Ichs, die Emotionen des Es sowie die Erfordernisse der Umwelt in einem ausreichenden Gleichgewicht zueinander stehen.

Das Zusammenwirken dieser drei psychischen Instanzen läuft in weiten Bereichen unbewusst ab. Störungen in diesem System können deswegen nach der psychoanalytischen Theorie bei den Betroffenen zu gesundheitlichen Problemen führen, ohne dass für die Betroffenen eine „Ursache“ dafür ersichtlich ist.

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Primäres und sekundäres Bewusstsein /
Condition seconde

Josef BreuerJosef Breuer und Sigmund Freud führten 1895 in ihrer Publikation Studien über Hysterie die Begriffe des primären und sekundären Bewusstsein ein.
(vgl. Breuer 1895)

Primäres Bewusstsein

Als primäres Bewusstsein bezeichneten Breuer und Freud alle bewussten Erfahrungen und Tätigkeiten des Alltags.
 

Sekundäres Bewusstsein

In der Entstehung der Hysterie kommt es nach Freud und Breuer bei den Erkrankten zunächst zum wiederholten Auftreten eines vom Bewusstsein getrennten hypnoiden Zustandes, in dem verschiedene, von einander zunächst unabhängige, Vorstellungen entstehen.

Diese unbewussten Vorstellungen sind untereinander gut assoziierbar, mit dem primären Bewusstsein sind sie jedoch logisch nicht zu vereinen. Deswegen neigen diese Vorstellungen zur Abgrenzung vom primären Bewusstsein und zur zunehmenden Assoziation miteinander. Im Verlauf organisieren sie sich zunehmend und bilden schließlich das sogenannte sekundäre Bewusstsein.

Der sekundäre Bewusstseinszustand ist eher ein Traumzustand, in dem insbesondere die Vernunft und das logische Denken eingeschränkt sind und dessen Überwiegen zum Auftreten von (Krankheits-)Symptomen führen kann.

Condition seconde

Üblicherweise befindet sich jedes Individuum wechselseitig unter dem Einfluss beider Bewusstseinszustände. Falls bei einem Menschen der sekundäre Bewusstseinszustand überwiegt und zunehmend vom primären Bewusstsein getrennt wird, spricht man von einer Condition seconde.

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Das Vorbewusste

Neben den bewussten und unbewussten Gedächtnisinhalten spricht man auch von vorbewussten Inhalten. Hierunter versteht man diejenigen Gedanken und Erinnerungen, die „vergessen“ sind und die z.B. bei entsprechenden äußeren Reizen wieder erinnert werden. Letzteres unterscheidet das Vorbewusste vom Unbewussten, dessen Inhalte zwar auch durch äußere Reize aktiviert werden können, jedoch ohne dann in die bewusste Erinnerung zu gelangen.

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Primärprozess und Sekundärprozess

Unter Primärprozess (auch Primärvorgang genannt) versteht man die Denk- und Erlebensweise des Kleinkindes. Diese wird mit dem älter werden zunehmend vom sogenannten Sekundärprozess (bzw. Sekundärvorgang) abgelöst, unter dem in der psychoanalytischen Theorie ursprünglich die Denkweise des erwachsenen Mitteleuropäers im Wachzustand verstanden wurde.

Das Denken im Sekundärprozess läuft mehr oder weniger realitätsnah und strukturiert ab. Das Denken im Primärprozess unterliegt demgegenüber einigen Besonderheiten, wie z.B. der Verdichtung und Verschiebung von Gedächtnisinhalten sowie der Freiheit von logischen, räumlichen oder zeitlichen Grenzen. Auch Erwachsene können z.B. im Traum die Denkweise des Primärprozesses (wieder-)erleben. Daneben kommt es bei verschiedenen Krankheiten wie z.B. Psychosen vor, dass die Erkrankten in die Denk- und Erlebensweise des Primärprozesses regredieren („Regression”) wodurch sich ihre Selbst- und Umweltwahrnehmung entsprechend verändern.

Im Primärprozess unterliegt das Denken vorrangig dem Ziel der Befriedigung der eigenen (Grund-)Bedürfnisse, es folgt dem sogenannten Lustprinzip.

Im Sekundärprozess überwiegt demgegenüber (zumindest in der Theorie) das an die soziale und kulturelle Gemeinschaft angepasste Denken nach dem sogenannten Realitätsprinzip.

Fließende Übergänge zwischen Sekundär- und Primärvorgang kennt vermutlich jeder Erwachsene aus diversen Situationen, in denen er sich  (z.B. durch Alkohol, „Liebe“, „Wut“ etc.) „wie berauscht“ gefühlt hat. Im Unterschied zu den krankhaften Formen findet das Denken bei dieser „normalen“ Variante jedoch bei einer Änderung der situativen Bedingungen zumeist schnell in den Sekundärprozess zurück und man wird „von der Realität eingeholt…“.

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Triebentwicklung

Nach der psychoanalytischen Theorie läuft die Entwicklung der triebhaften Bedürfnisse in mehreren Phasen ab.

  • Orale Phase (Geburt bis ca. Ende des 1. Lebensjahres)
  • Anale Phase (Ca. 2 bis 3. Lebensjahr)
  • Phallische bzw. ödipale Phase (Ca. 4. bis 5. Lebensjahr)
  • Phase der Triebruhe (Ca. 6. Lebensjahr bis zur Pubertät)
  • Pubertät

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Konflikt

Wenn zwei miteinander unvereinbare Impulse, Wünsche oder Bestrebungen aufeinander treffen, spricht man in der psychoanalytischen Theorie von einem Konflikt.

Anna Freud postulierte eine Differenzierung in Äußere Konflikte (zwischen einem Individuum und seinen Umfeld), Innere Konflikte (zwischen einander widersprechenden eigenen Grundbedürfnissen) und Verinnerlichte Konflikte (zwischen widersprüchlichen internalisierten Einstellungen und Verhaltensweisen).

Die ersten Konflikte erlebt ein Mensch bereits als Säugling, wenn eigene Wünsche den Anliegen der Bezugspersonen widersprechen. Im Verlauf entwickelt das Kleinkind mit dem Älter werden zunehmend innere Konflikte, bei denen zwei eigene Wünsche und Bedürfnisse miteinander konkurrieren (z.B. der Wunsch, den Spielplatz zu erkunden gegen das Bedürfnis, nahe bei der auf der Bank sitzenden Mutter zu sein). Diese Konflikte gehören zur normalen Lebensentwicklung und sind an sich nicht pathologisch. Falls das Kleinkind jedoch durch bestimmte Bedingungen an der Entwicklung einer gesunden Konfliktlösung gehindert wird, können sich nach der psychoanalytischen Theorie pathologische Muster entwickeln.

Wenn ein Erwachsener dann im späteren Leben einen aktuellen Konflikt erlebt, der (bewusst oder unbewusst) Parallelen mit Konflikten aus der Kindheit aufweist, kann dies zu einer (unbewussten) Reaktivierung der infantilen Konflikte führen.

Falls die infantilen Konflikte nicht ausreichend verarbeitet werden konnten, können sie beim Erwachsenen den aktuellen Konflikt beeinflussen und gegebenenfalls zum Auftreten einer neurotischen Störung führen. Diese Neurose wird in dann als reaktualisierter Entwicklungskonflikt verstanden.

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Defizitmodell

Nach dem Defizitmodell wird postuliert, dass ein in der Kindheit erworbenes Entwicklungsdefizit bis in das Erwachsenenalter persistieren und dann verschiedene Störungen auslösen oder verstärken kann.

Die im Erwachenenalter auftretenden Symptome können entweder als direkte Folge des Entwicklungsdefizites entstehen oder als so genannte „Plombenfunktion“ eine Ersatzbildung darstellen.

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Traumamodell

Nach dem Traumamodell besteht die Annahme, dass ein Entwicklungstrauma (z.B. durch sexuellen Missbrauch oder Misshandlungen) im späteren Leben einen Risikofaktor für das Auftreten von Neurosen darstellen kann.

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Psychodynamische Psychotherapie:
Therapieverfahren

Übersicht

Zu den klassischen psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Verfahren möchten wir auf die entsprechenden Lehrbücher verweisen. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren verschiedene spezielle Therapieverfahren bzw. therapeutische Techniken, die auf den Grundlagen der psychodynamischen Theorien basieren, wie z.B. die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) und die Transference-focused Psychotherapy (TFP).

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Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT)

Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) nach Luise Reddemann ist ein ressourcenorientiertes Therapieverfahren, dass auf der Annahme basiert, dass traumatische Erfahrungen im Gehirn der Betroffenen als Gedächtnisspur erhalten bleiben. In wie weit diese Gedächtnisspuren erinnert werden, hängt unter anderem davon ab, zu welchem Entwicklungsstand der Betroffenen die traumatischen Erfahrungen stattgefunden haben.

Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) ist in vier Phasen aufgebaut:

  • Beziehungsaufbau
  • Stabilisierung
  • Traumabearbeitung
  • Integration und Trauer

Weiterlesen: Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie

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Transference-Focused Psychotherapy (TFP)

Die Transference-Focused Psychotherapy (TFP) nach Otto F. Kernberg, John F. Clarkin und Frank E. Yeomans basiert auf psychoanalytischen bzw. psychodynamischen Theorien und Modellvorstellungen.

Die Zielgruppe der Transference-Focused Psychotherapy sollten Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sein, insbesondere mit den so genannten Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen nach DSM-IV (Antisoziale Persönlichkeitsstörung, histrionische Persönlichkeitsstörung, narzisstische Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung).

In der Transference-Focused Psychotherapy wird ein Schwerpunkt auf die Analyse der Übertragung gelegt, wobei im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse weniger eine Regression des Analysanden gefördert wird, sondern vielmehr eine Analyse der Übertragung im „Hier und Jetzt“ stattfindet.

Weiterlesen: Transference-Focused Psychotherapy

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Zum Weiterlesen...

 

“Psychische Erkrankungen: Klinik und Therapie”
 

Psychische Erkrankungen

In  Psychische Erkrankungen von Matthias Berger et al. findet man nahezu alle Informationen, die für die Prüfungen in den Bereichen Klinische Psychologie und Psychiatrie erforderlich sind. Das Buch ist bei Studenten der Medizin und der Psychologie entsprechend beliebt für die Prüfungsvorbereitung. Ergänzt wird das Lehrbuch durch umfangreiches Online-Material. Aufgrund des Umfangs und der Aktualität der Informationen können wir es insbesondere zur Prüfungsvorbereitung empfehlen.
 

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Literatur

Psychodynamische Therapie: Übersichtsarbeiten

Margraf J, Rudolf G; Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (2005). Stellungnahme zur Psychodynamischen Psychotherapie bei Erwachsenen. Dtsch Arztebl PP 4(1): 45-46.
Full text (pdf) >>
 

Strukturelles Persönlichkeitsmodell

Freud S (1923). Das Ich und das Es. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.

Dieses Buch bei Amazon.de >>

Primäres und sekundäres Bewusstsein

Breuer J, Freud S (1895). Studien über Hysterie. Leipzig/Wien: Franz Deuticke.
 

Psychotherapie: Fachbücher
 

American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). Arlington: American Psychiatric Publishing.
Dieses Buch bei Amazon.de >>

 

Psychotherapie: Leitlinien
 

Bandelow B, Wiltink J, Alpers GW, Benecke C, Deckert J et al. (2014): Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen.
Online-Version >>

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (Hrsg.) (2000). Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Angsterkrankungen. In: Dengler W, Selbmann HK (Hrsg.). Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Angsterkrankungen. Steinkopff-/Springer-Verlag.

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Hrsg.) (2007). Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 3. Auflage. Deutscher Ärzte-Verlag.

National Institute for Health and Clinical Excellence - NICE (2011). Generalised anxiety disorder and panic disorder (with or without agoraphobia) in adults. NICE clinical guideline 113.
Full-text (pdf) >>

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: Halberstadt M (1922). Sigmund Freud.
Abb. 2: Fotograf unbekannt (1877). Josef Breuer.


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Letzte Aktualisierung: Freitag, 25. März 2016
 

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