Sind Zwänge ansteckend?

Diese Frage mag sich zunächst etwas irritierend anhören - und trotzdem hat sie oftmals einen großen Einfluss auf die Erkrankten und ihre Angehörigen. So haben viele Zwangspatienten Angst vor einem Klinikaufenthalt oder vor dem Besuch einer Selbsthilfegruppe, weil sie befürchten, dass sie dort neue Zwänge entwickeln könnten, wenn sie die Berichte der anderen Zwangspatienten über deren Zwänge hören.

Diese Befürchtung erhöht leider für viele Menschen die Hürde für den Besuch einer Klinik bzw. einer Selbsthilfegruppe, obwohl dieser oftmals so sehr wichtig und hilfreich sein könnte.

Auch Angehörige kommen häufig mit der Sorge zum Partnergespräch “Ich erlebe die Zwänge seit Jahren jeden Tag mit, da befürchte ich schon lange, dass ich selbst auch Zwänge bekomme...”.

Zu der obigen Frage - kurz gesagt: Ein klares Jein! Zwänge können eine unwahrscheinliche Faszination auslösen und haben die Tendenz, sich auszuweiten. Auch “neue” Zwänge, die man von anderen Menschen berichtet bekommt, können sich in das eigene Zwangssystem einbauen.

Nur - dies passiert sowieso. Sie kennen dies vermutlich aus eigener Erfahrung: Die Zwänge haben unbehandelt leider die Tendenz, immer komplexer zu werden und auf immer mehr Lebensbereiche über zu gehen, auch wenn man keinen Kontakt zu anderen Zwangspatienten hat.

Viele Zwangspatienten machen aber eine andere Erfahrung: Zunächst überwiegt zum Beispiel bei einem Klinikaufenthalt die Befürchtung, sich von den Zwängen der Mitpatienten etwas “abzugucken”. Dies passiert vielleicht sogar auch in einigen Bereichen - aber dann überwiegt die Erleichterung, andere Menschen kennen gelernt zu haben, denen es ähnlich geht, und mit denen man gemeinsam eine Lösung für die Zwänge finden kann.

Im Endeffekt hat diese letztgenannte Erfahrung dann einen viel größeren, heilenden Einfluss, so dass die meisten Zwangspatienten berichten, dass sich der Klinikaufenthalt für sie trotz ihrer Befürchtungen sehr gelohnt hat.

Und die Sorgen der Angehörigen?

Zunächst einmal können Sie sich beruhigen. Wenn die Zwänge wirklich so ansteckend wären, dann müssten ja alle Therapeuten, die Tag für Tag die Zwänge ihrer Patienten miterleben, inzwischen selbst erkrankt sein.

Aber trotzdem: Viele Zwangspatienten haben die Tendenz, ihre Angehörigen (zumeist unbewusst) in ihr Zwangssystem mit einzubauen. Dies kann mit kleinen Dingen beginnen - wie zum Beispiel der Bitte an die Partnerin, dass sie doch bitte auch noch einmal kontrollieren soll, ob der Herd wirklich aus ist - und bei schweren Zwangserkrankungen ein immer größeres Ausmaß erreichen.

Deswegen ist für Sie als Angehöriger eines sehr wichtig: Bitten Sie ihre Partnerin / ihren Partner / ihr Kind etc., dass sie selbst auch einmal zu einer Therapiesitzung mitkommen dürfen, damit sie gemeinsam mit dem Betroffenen und dem Therapeuten / der Therapeutin besprechen können, an welchen Stellen sie sich jetzt schon richtig verhalten und wo sie vielleicht anders reagieren könnten.

Am günstigsten wäre es, diese gemeinsamen Gespräche regelmäßig in größeren Abständen durchzuführen, damit sie mit dem Betroffenen zusammen erarbeiten können, wie sie sich am hilfreichsten Verhalten.

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