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Zwänge: Ursachen

Welche Ursachen haben Zwänge?

Die meisten Betroffenen machen sich immer wieder Gedanken, welche Ursache die Zwänge haben könnten. Die Antwort auf diese Frage ist nicht immer einfach, denn meistens gibt es nicht nur “eine Ursache” für die Zwangserkrankung. Üblicherweise kommt es zu einem Aufeinandertreffen von ganz unterschiedlichen Faktoren, die dann in ihrem Zusammenwirken zu dem Auftreten der Zwänge führen.

Im Folgenden wollen wir etwas ausführlicher beschreiben, wie es zum Auftreten der Zwänge kommt und welche Faktoren die Zwangserkrankung auslösen können. Vorab  möchten wir zum besseren Verständnis einige wichtige Fachbegriffe erklären:
 

Prädisposition und Auslöser

Was ist eine “Prädisposition” und was sind “Trigger”?

Wie oben bereits beschrieben ist es eher die Ausnahme, dass nur eine “einzelne” Ursache für die Zwänge verantwortlich ist. Vielmehr kommt es zuneist zu einem Zusammentreffen von mehreren so genannten “Prädisponierenden Faktoren” und bestimmten “Triggern”.

Prädisponierende Faktoren

Als Prädisponierende Faktoren werden in der Medizin diejenigen Umstände bezeichnet, die einen Menschen empfindlicher für das Auftreten einer bestimmten Erkrankung machen. Dies können zum Beispiel genetische Veranlagungen sein, seelische Belastungen, körperliche Vorerkrankungen, Erfahrungen aus der Kindheit oder auch besondere aktuelle Lebensumstände oder Umweltbedingungen.

Diese Prädisponierenden Faktoren machen einen Menschen also “empfindlicher” dafür, dass bei ihm eine bestimmte Erkrankung auftreten kann - dies heisst aber noch nicht, dass jeder Mensch, der diesen Faktoren ausgesetzt ist, auch unbedingt diese Krankheit bekommen muss. Sie können sich dies vielleicht am besten an einem Beispiel vorstellen: So kann zum Beispiel ein sehr hoher Stress und übermäßiger Leistungsdruck am Arbeitsplatz ein prädisponierender Faktor für ein Magengeschwür sein - und trotzdem werden nicht alle Menschen, die unter Stress leiden, auch unbedingt ein Magengeschwür bekommen. Der Stress führt also nicht direkt zu der Krankheit, er macht es aber wahrscheinlicher, dass diese Erkrankung auftreten kann.
 

Prädisponierende Faktoren für Zwänge

Ähnliches gilt auch für Zwänge: Es gibt sehr viele Prädisponierende Faktoren, die einem Menschen empfindlicher dafür machen, dass bei ihm eine Zwangserkrankung auftreten kann. Zu den wichtigsten Prädisponierenden Faktoren gehören dabei unter anderem

  • belastende Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte,
  • bestimmte ungünstige Denk- und Verhaltensmuster,
  • ungelöste Ängste und Sorgen sowie
  • bestimmte neurologische Erkrankungen.

Diese einzelnen Faktoren werden weiter unten ausfühlicher beschrieben. Die meisten Betroffenen kennen dabei aus ihrer eigenen Erfahrung, dass nicht ein einziger Faktor für sie alleine richtig und erklärend ist, sondern dass einzelne Aspekte aus verschiedenen Bereichen bei ihnen zusammen gekommen sind, und so die Ursache für ihre Zwänge gebildet haben.
 

Auslöser für Zwänge

Als Auslöser oder auch Trigger bezeichnet man demgegenüber diejenigen Faktoren, die direkt zum Auftreten eines Zwangs führen können. Zwänge können dabei durch sehr unterschiedliche Dinge ausgelöst werden. Sehr häufig ist eine aktuelle Sorge, dass eine bestimmte Bedrohung eintreten könnte, ein Auslöser für einen Zwang.

Ein typisches Beispiel wäre zum Beispiel bei einem Kontrollzwang die Sorge, dass der Herd nicht ausgeschaltet sein könnte, und dass dadurch andere Menschen zu Schaden kommen könnten. Diese Sorge führt dann bei den Betroffenen dazu, dass sie als Zwangshandlung nochmal nach Hause zurückfahren und den Herd kontrollieren.

© Dr. Sandra Elze & Dr. Michael Elze
Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.com
 

 

Zwänge: Erklärungsmodelle

Zurück zu den Faktoren, die einen Menschen empfindlicher für das Auftreten von Zwängen machen können: Hierzu gibt es verschiedene Modelle, die versuchen, die Ursachen für das Auftreten von Zwängen zu erklären.

Zu den bekanntesten Erklärungsmodellen gehören dabei die so genannten

Was sich hinter diesen Fachbegriffen verbirgt, wollen wir Ihnen im Folgenden genauer erklären.

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Psychoanalytische und Tiefenpsychologische Modelle

Am weitesten bekannt sind die Psychoanalytischen und Tiefenpsychologischen Modelle zur Entstehung von Zwängen, da diese Theorien von Sigmund Freud und seinen Kollegen bereits vor gut einhundert Jahren publiziert wurden, und sie seither Eingang in viele Bücher und Veröffentlichungen zum Thema Zwangsstörungen gefunden haben.

Nach der psychoanalytischen Theorie kann ein ungelöster Konflikt in der so genannten analen Phase (ca. 2.-3. Lebensjahr) im späteren Leben zum Auftreten von Zwängen führen. In der analen Phase strebt das Kind nach Autonomie, wodurch es  zu Spannungen mit seiner Umwelt, z.B. seinen Eltern kommen kann. Wenn die Autonomiebestrebungen des Kindes kontinuierlich eingeschränkt oder durch „Liebesentzug“ bestraft werden, kann dies nach der psychoanalytischen Lehrmeinung bei den Betroffenen zu einem sehr strengen und übermoralischen Über-Ich führen. Hieraus kann sich bei den Betroffenen im Verlauf ein sogenannter Abhängigkeit versus Autonomie-Konflikt entwickeln.

Nach dieser Theorie kann es im späteren Leben vorkommen, dass sexuelle oder aggressive Impulse von dem sehr strengen Über-Ich (unbewusst) so stark “verurteilt” werden, dass sie von den Betroffenen nicht mehr adäquat ausgelebt werden können. Als Folge entsteht nach dieser Theorie die Zwangssymptomatik, bei der die Triebimpulse (unbewusst) durch die Zwangsrituale neutralisiert werden.

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Kognitive und behaviorale Modelle

Zwei-Faktoren-Theorie nach Mowrer

Die so genannte Zwei-Faktoren-Theorie wurde 1947 von dem US-amerikanischen Psychologen Orval Hobart Mowrer aufgestellt, um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten zu beschreiben. Mowrer beschreibt,  dass Ängste durch Mechanismen der klassischen Konditionierung verursacht werden können, und durch die sogenannte operante Konditionierung aufrecht erhalten werden. Die von Mowrer beschriebenen Effekte der klassischen Konditionierung können manchmal auch bei der Entstehung von Zwängen auftreten, wobei es jedoch viele Betroffene gibt, bei denen andere Mechanismen zum Auftreten der Erkrankung beigetragen haben. Die von Mowrer beschriebenen Faktoren der operanten Konditionierung bilden demgegenüber ein gutes Erklärungsmodell für das Vermeidungsverhalten bei Zwangsstörungen, dass viele Betroffene auch aus ihren eigenen Erfahrungen kennen.

Kognitives Modell nach Paul Salkovskis

Paul Salkovskis versucht in seinem so genannten Kognitiven Modell, die Ursache für die Zwänge über eine bestimmte Denk- und Erlebensweise der Erkrankten zu erklären: Jeder Menschen erlebt immer wieder auch sich aufdrängende Gedanken, die so genannten Normal Obsessions. Diese aufdrängenden Gedanken führen normalerweise nicht zum Auftreten von Zwängen, da sie keine Ängste auslösen und deswegen auch keine Neutralisierung erforderlich machen. Der “gesunde” Umgang mit diesen Gedanken besteht darin, die Gedanken nicht zu bewerten sondern sie zu ignorieren, die so genannte Internale Löschung.

Menschen mit Zwängen erleben ihre Gedanken jedoch häufig als sehr bedrohlich, verwerflich oder beängstigend. Diese emotionale Bewertung der aufdrängenden Gedanken kann dazu führen, dass die Betroffenen in den großen Druck geraten, ihre Gedanken durch die Zwänge „neutralisieren“ zu müssen. Da diese „Neutralisierung“ der Gedanken zumindest kurzfristig eine Reduktion der Anspannung bringt, kann sich hieraus ein sehr ungünstiger „Lerneffekt“ entwickeln, der schließlich zu einer zunehmenden Zwangsstörung führen kann.

Dysfunktionale Kognitionen (“Negative Gedanken”)

Ein großer Einfluss an der Ursache und Aufrechterhaltung von Zwängen wird den so genannten Dysfunktionalen Kognitionen zugeschrieben. Darunter versteht man bestimmte Denkfallen, auch “Negative Gedanken” genannt, die viele Menschen mit Zwängen auch aus ihren eigenen Erfahrungen kennen. Typische Beispiele für diese Denkfallen sind:

Die Konsequenzen des eigenen Verhaltens überschätzen: Z.B. „Wenn ich den Herd anlasse, wird das Haus abbrennen!“; “Wenn ich die Türklinke anfasse, werde ich meine Familienmitglieder mit einer schlimmen Krankheit anstecken!“.

Die Eintreffenswahrscheinlichkeit von befürchteten Ereignissen überschätzen: Z.B. “Wenn ich die Haustür nicht abschließe, wird mein Haus ausgeraubt!“.

Die eigene Verantwortung überschätzen: Z.B. „Wenn ich die Türklinke nicht abgewischt habe, bin ich dafür verantwortlich, wenn sich jemand anders daran infiziert!“.

Die Bedeutung der Zwangsgedanken überschätzen: Z.B. „Wenn ich nur an ... denke, wird ... passieren!“.

Sicherheit anstreben: Z.B. „Nur wenn ich die Bücher ausreichend sortiert habe, kann ich die Prüfung bestehen!“.

Magische Verknüpfungen erstellen: Z.B. „Wenn ich in dreier Schritten bis 3000 zähle, wird meiner Familie nichts passieren!“.

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Neurobiologische Modelle

Es gibt deutliche Hinweise, dass bei Zwängen auch Veränderungen in bestimmten Hirnregionen auftreten. Diese Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass bei bestimmten neurologische Erkrankungen, die mit einer Schädigung der so genannten Basalganglien einhergehen, wie z.B. der Chorea minor und dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, bei den Betroffenen neben den neurologischen Symptomen auch Zwänge auftreten können.

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Medikamenten-Nebenwirkungen

Neben den oben genannten Modellen gibt es einige weitere Faktoren, die das Auftreten von Zwängen auslösen können. So können auch bestimmte Medikamente, wie zum Beispiel Clozapin, als Nebenwirkung Zwänge verursachen. Sollten Sie diesbezüglich Fragen haben, sprechen Sie bitte unbedingt mit den Ärzten, die Ihnen die Medikamenten verordnet haben. Wir empfehlen Ihnen auch, Medikamente niemals ohne Rücksprache mit ihren Ärzten einfach abzusetzen, da dies oftmals negative Auswirkungen haben kann. Zumeist ist es hilfreicher, mit den Ärzten zunächst zu besprechen, ob ein bestimmtes Medikament an der Entstehung der Zwänge beteiligt sein kann, und dann gemeinsam nach einer guten Alternative für dieses Medikament zu suchen.

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Das Fazit...

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit den oben aufgeführten Erklärungen einen kleinen Einblick in die vielschichtigen Phänomene, die zum Auftreten von Zwängen führen können, geben konnten.

Wenn Sie sich genauer dafür interessieren, welche Faktoren bei Ihnen persönlich zum Auftreten der Zwänge geführt haben, würden wir Ihnen wieder am ehesten empfehlen, sich diesbezüglich von einem fachlich kompetenten Arzt oder Psychologen beraten zu lassen, denn oftmals ist es einfacher, die Ursachen für die Zwänge gemeinsam zu erarbeiten, als lange alleine darüber nachzugrübeln.

Eine Unterstützung bei der Suche nach niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten können Sie bei den auf der folgenden Internetseite genannten Institutionen finden:

Weiterlesen: Psychotherapeuten

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Zum Weiterlesen...

 

“Wenn Zwänge das Leben einengen”
 

Wenn Zwänge das Leben einengen

”Wenn Zwänge das Leben einengen” von Dr. Birgit Hofmann und Dr. Nicolas Hoffmann bietet zunächst einen Überblick über das Thema Zwangsstörungen, gefolgt von einer ausführlichen Erläuterung der verschiedenen Zwangserkrankungen, jeweils ergänzt durch praktische Übungen und Hilfen. Neben den verschiedenen Zwangshandlungen, wie z.B. Reinigungs-, Ordnungs- oder Sammelzwängen, werden auch Zwangsgedanken und “Grübelzwänge” sowie deren Behandlungsmöglichkeiten ausführlich beschrieben. Ergänzt wird das Buch durch ein Kapitel für Angehörige. Das Buch ist auch als eBook erhältlich.
 

Weiterlesen: “Wenn Zwänge das Leben einengen” - Buchrezension

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Letzte Aktualisierung: Freitag, 25. März 2016
 

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