Wie kann ich Zwangsgedanken loswerden?

Als Zwänge bzw. Zwangsstörungen bezeichnet man ein Krankheitsbild, bei dem die Erkrankten unter dem großen Drang leiden, bestimmte Gedanken oder Handlungen immer wieder zu wiederholen.

Zwänge

Viele Menschen mit Zwangsgedanken haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Zwangsgedanken immer mehr verselbstständigen, und dass es sehr schwer ist, diese Gedanken wieder los zu werden. Die Zwangsgedanken können die Erkrankten so stark beeinflussen, dass sie in ihrem Denken so stark mit den Zwangsgedanken beschäftigt sind, dass kaum noch Raum für die üblichen Alltagstätigkeiten bleibt.

Bevor es darum gehen kann, wie man die Zwangsgedanken wieder loswerden kann, müssen wir zunächst unbedingt erst einmal betrachten, welche verschiedenen Arten von Zwangsgedanken es überhaupt gibt, denn danach unterscheidet sich auch die Therapie.

In der Psychologie unterscheidet man dabei zunächst, ob es sich um Zwangsgedanken im Rahmen einer Zwangsstörung bzw. Zwangserkrankung handelt, oder ob es sich um wiederkehrende belastende Gedanken mit Zwangscharakter im Rahmen anderer seelischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen oder Ängsten handelt. Zusätzlich gibt es auch einige körperliche Erkrankungen, die Zwangsgedanken hervorrufen können.

Zwangsstörung mit Zwangsgedanken

Die Zwangsstörungen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen immer wieder unter sich aufdrängenden Impulsen oder Gedanken leiden, welche sie stark belasten und durch welche sie in ihrer Lebensführung zum Teil massiv eingeschränkt werden.

Die Zwangsgedanken werden dabei weiter unterschieden in die so genannten Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter und die Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter. Der Unterschied ist folgender: Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter führen bei den Betroffenen zu einem Anstieg der Anspannung. Die Gedanken selbst sind also der Zwang, der behandelt werden muss. Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter führen demgegenüber - zumindest kurzfristig - zu einer Reduktion der Anspannung (siehe unten).

Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter

Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter führen bei den Betroffenen wie oben beschrieben zu einem Anstieg der Anspannung. Beispiele dafür sind Gedanken wie “Ich könnte meinen Kindern etwas antun.”, “Ich könnte den Fußgänger angefahren haben.” usw.

In der Therapie der Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter hat sich inzwischen vorrangig die so genannte kognitiv-behaviorale Therapie, auch Verhaltenstherapie genannt, durchgesetzt. Parallel können viele Betroffene von einer medikamentösen Behandlung profitieren. Die einzelnen Therapiemöglichkeiten werden unten genauer beschrieben.

Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter

Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter, auch Denkzwänge genannt, führen demgegenüber zu einer Reduktion der Anspannung. Diese Zwangsgedanken werden von den Betroffenen unbewusst oder bewusst zur “Neutralisierung” von anderen, “bedrohlicheren” Zwangsimpulsen eingesetzt.

Die Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter sollen also andere Zwänge neutralisieren beziehungsweise ungeschehen machen. Ein Beispiel dafür ist z.B. der Zählzwang, bei dem die Betroffenen versuchen, durch ein andauerndes Zählen oder Aneinanderreihen von Zahlen in einer bestimmten Systematik (z.B. Zählen in Dreierschritten), andere, noch unangenehmere Zwänge und Befürchtungen zu bewältigen.

Dazu ein Beispiel: Ein Zwangspatient hat zum Beispiel den Zwang, dass er immer wieder kontrollieren muss, dass niemandem in seiner Familie etwas passiert ist. Da dieser Zwang für ihn natürlich sehr belastend ist, versucht er (unbewusst) eine Lösung aus dem Zwang zu finden. Da es ihm aus naheliegenden Gründen unmöglich ist, im realen Leben eine dauerhafte Sicherheit für seine Familienmitglieder zu erreichen, weicht er (wieder unbewusst) auf die Zwangsgedanken aus: “Wenn ich immer drei und drei addiere, und zum Ergebnis immer wieder drei dazu addiere, passiert meiner Familie nichts!” Dies mag sich für einen Außenstehenden vielleicht unlogisch anhören, doch Zwangsgedanken entwickeln eine eigene Logik, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben müssen, welche die Betroffenen vor ihrer Zwangserkrankung gekannt haben.

Dies macht für die Behandlung einen wichtigen Unterschied: Die Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter sind nur eine Reaktion auf einen anderen Zwang - es müssen also die zu Grunde liegenden Zwänge herausgefunden und bearbeitet werden.

Gedanken mit Zwangscharakter bei anderen seelischen Erkrankungen

Neben den Zwangstörungen gibt es auch verschieden andere seelische Erkrankungen, die mit Zwängen einhergehen können. Dazu ein typischer Bericht eines Zwangspatienten: “Und neben meinen Zähl- und Waschzwängen leide ich auch noch unter den Zwangsgedanken, dass mich alle anderen Menschen überkritisch beurteilen und dass ich immer alles falsch mache.”

Vorsicht! Die letzten beiden Befürchtungen, die dieser Zwangspatient berichtet hat, können Zwänge sein, es kann sich aber auch zum Beispiel um soziale Ängste im Rahmen einer Sozialen Phobie, oder um pessimistische Befürchtungen im Rahmen einer Depression handeln. Diese feinen aber wichtigen Unterschiede werden meistens nur nach einer intensiven Beurteilung durch einen entsprechend spezialisierten Arzt oder Psychologen herausgefunden. Für die Behandlung ergeben sich dadurch jedoch große Unterschied. Falls es sich zum Beispiel um belastende Gedanken im Rahmen einer sozialen Phobie handelt, müssen die Betroffenen zum Beispiel üben, wie sie ihre sozialen Ängste überwinden können, Zwangsprotokolle und ähnliches helfen in diesem Fall wenig.

Neben den Depressionen und den Angsterkrankungen gibt es noch verschiedene andere seelische Erkrankungen, die mit Zwängen einhergehen können. Relativ häufig ist zum Beispiel die so genannte Zwanghafte Persönlichkeitsstörung, die mit einem hohen Grad an Perfektionismus, übergroßer Gewissenhaftigkeit und ständigen Kontrollen einhergeht. Bei dieser Erkrankung geht es in der Therapie unter anderem darum, wie es die Betroffenen wieder schaffen, mehr Gelassenheit in ihren Lebensalltag zu bekommen.

Zwänge können auch bei der so genannten Hypochondrischen Störung auftreten, bei der die Erkrankten unter dauernden Krankheitssorgen leiden. Auch die schizophrenen Erkrankungen und die so genannte Körperdysmorphe Störung können mit Zwängen einhergehen. Ein großer Unterschied der weiter oben beschrieben Zwangsgedanken zu den letzt genannten Erkrankungen ist, dass sich die Erkrankten bei einer Zwangsstörung meistens bewusst darüber sind, dass ihre Zwänge zwar eine kurzfristige Reduktion der Anspannung bringen können, dass die Zwänge aber langfristig keine realistische Lösung der Grundproblematik sind. Im Gegensatz dazu sind die Erkrankten zum Beispiel bei der Schizophrenie, bei der sie in einem Wahn ebenfalls Zwangssymptome entwickeln können, von der Richtigkeit und der Notwendigkeit des Zwänge sozusagen hunderprozentig überzeugt.

Zwangsgedanken bei körperlichen Erkrankungen

Es gibt verschiedene neurologische Erkrankungen, die zum Auftreten von Zwängen führen können. Dabei handelt es sich zumeist um Erkrankungen, die mit einer Schädigung einer bestimmten Region im Gehirn, den so genannten Basalganglien, einhergehen. Dazu gehören zum Beispiel die Chorea minor und das Tourette-Syndrom. Auch nach Verletzungen des Gehirns, zum Beispiel nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, können in einigen Fällen Zwangssymptome auftreten.

Diese Erkrankungen gehen aber neben den Zwängen auch mit anderen neurologischen Veränderungen einher, so dass ein Arzt bzw. Neurologe den Unterschied zwischen diesen Erkrankungen und einer Zwangsstörung sehr genau herausfinden kann. Falls beim erstmaligen Auftreten von Zwängen der Verdacht auf eine der eben genannten Erkrankungen besteht, sollte deswegen ergänzend auch eine neurologische Untersuchung erfolgen, denn bei der Behandlung der letztgenannten Erkrankungen würde zunächst einmal die Therapie der neurologischen Grundkrankheiten im Vordergrund stehen.

Beispiele von Zwangsgedanken

Zwangsgedanken können die unterschiedlichsten Formen annehmen. Sehr häufig treten sie in der Form von Aggressiven Zwangsedanken (“Ich könnte meinem Kind / meinem Partner etwas antun....!”) oder in der Form von peinlichen Befürchtungen (“Ich könnte ewas Obszönes herausschreien!”) auf.

In der unten stehenden Tabelle finden Sie einige Beispiele von sehr häufigen Zwangsgedanken. Bevor Sie die Tabelle lesen, sollten Sie aber noch etwas sehr wichtiges beachten: Auch wenn der Inhalt einiger Zwangsgedanken für den jeweiligen Betroffenen sehr bedrohlich erscheinen kann, ist der Inhalt der Zwangsgedanken vollkommen austauschbar!

Warum dies? Die Zwangsgedanken richten sich immer genau auf den Bereich, der für den jeweiligen Betroffenen in seiner aktuellen Lebensphase am bedrohlichsten ist.

Dieses Phänomen ist für das Verständnis der Zwangsgedanken sehr wichtig, denn sehr viele Betroffene fragen sich - gerade bei aggressiven Zwangsgedanken - immer wieder “Bin ich wirklich so ein Mensch, der so etwas tun könnte...?” Die Antwort darauf: “Nein! Der Zwang hat sich gerade nur wieder genau die Stelle ausgesucht, an der Sie am verletzlichsten sind.”

Noch einmal: Der Inhalt der Zwangsgedanken ist zunächst - auch wenn er für den Einzelnen noch so bedrohlich erscheint - vollkommen austauschbar. Die Zwangsgedanken “wollen” sich genau auf den Punkt stürzen, an dem ich am tiefsten verletzt werden kann, und dabei sind sie (leider) sehr einfallsreich.

Viele Betroffene kenen dabei einen ähnlichen Ablauf der Zwangsgedanken, wie ihn die folgende Patientin schildert:

Andrea (34 J.): Die Zwangsgedanken haben bei mir irgendwann im Lauf der Jugend einmal begonnen. In der Pubertät standen dann insbesondere Gedanken mit sexuellen Inhalten im Vordergrund. Der Gedanke “Ich könnte homosexuell sein!” hat mich über Jahre immer wieder sehr gequält. Als ich älter geworden bin und mir meiner Sexualität sicherer war, haben sich die Gedanken verändert. Ganz plötzlich war dann da dieser Gedanke “Ich könnte meinen Partner erstechen!”. Und auch dieser Gedanken ist nach einiger Zeit wieder verschwunden, dafür kam nach der Geburt meines ersten Kindes plötzlich die Befürchtung, dass ich meinem Kind etwas antun könnte. Erst im Lauf der Therapie habe ich rausgefunden, dass mich der Zwang in den vergangenen Jahren immer genau dort erwischt hat, wo ich gerade am empfindlichsten war.”

Der Inhalt der Zwangsgedanken richtet sich also üblicherweise immer genau darauf aus, was der Betroffene in der jeweiligen Lebensperiode am meisten befürchet.

Beispiele von Zwangsgedanken
Tab.1: Beispiele von Zwangsgedanken

Dem erfahrenen Leser fällt dabei eventuell auf, dass viele dieser Zwangsgedanken in ähnlicher Form auch bei anderen Krankheitsbildern auftreten. Der Gedanke “Ich könnte etwas Peinliches tun!” könnte zum Beispiel auch im Rahmen einer Sozialen Phobie auftreten. Und die Gedanken “Ich könnte andere krank machen!” oder “Ich könnte mich anstecken!” treten zum Beispiel auch im Rahmen einer so genannten Hypochondrischen Störung auf. Ob es sich bei den oben genannten Gedanken wirklich um Zwangsgedanken im Rahmen einer Zwangsstörung handelt, sollte entsprechend immer mit einem erfahrenen Arzt bzw. Psychologen erarbeitet werden.

Aggressive Zwangsgedanken

Zwangsgedanken haben oftmals bedrohliche oder aggressive Inhalte, wie zum Beispiel die Befürchtung, sich selbst oder andere zu verletzten, die Befürchtung, obszöne Gedanken oder Beleidigungen laut von sich zu geben, oder die Befürchtung, aufgrund unkontrollierbarer Impulse zu handeln, wie z.B. auf eine nahestehende Person mit dem Messer einzustechen.

Diese aggressiven Zwangsgedanken sind dabei für die Betroffenen oftmals eine sehr große Belastung, da die Erkrankten im Verlauf zunehmend an sich selbst zweifeln und sie sich immer wieder hinterfragen “Würde ich so etwas tun?”, “Bin ich so ein schlechter Mensch?, usw.

Sehr häufig sind auch die Zwangsgedanken, jemand anderen zu verletzen, weil man nicht aufmerksam genug war, wie zum Beispiel die Befürchtung, jemanden unbemerkt mit dem Auto angefahren zu haben. So haben viele Menschen mit Zwangsgedanken schon wiederholt mit ihrem Auto umkehren müssen um sich zu vergewissern, dass sie keinen Unfall verursacht haben.

Zwangsgedanken in Bezug auf Verschmutzungen

Sehr häufig sind auch Zwangsgedanken in Bezug auf Verschmutzungen, wie zum Beispiel die Sorge über Verschmutzungen oder Verunreinigungen in der Wohnung, Sorgen oder Ekel in Bezug auf Körperausscheidungen wie z.B. Speichel, Urin oder Fäkalien, die Sorge über vermeintlich giftige Susbstanzen oder die Sorge in Bezug auf Kranheitskeime.

Zwangsgedanken mit sexuellen Inhalten

Neben den aggressiven Zwangsgedanken stellen die Zwangsgedanken mit sexuellem Inhalt oftmals die größte Belastung für die Erkrankten dar. Viele Betroffene kennen die übermäßige Sorge, sie könnten unerlaubte sexuelle Handlungen wie Inzest etc. durchführen. Auch in Bezug auf eine vermeintliche Homosexualität treten gehäuft Zwangsgedanken auf.

Zwangsgedanken mit moralischen oder religiösen Inhalten

Zwangsgedanken beziehen sich oftmals auch auf bestimmte moralische oder religiöse Inhalte, wie zum Beispiel die Befürchtung, Gotteslästerung oder bestimmte Sünden zu begehen.

Weitere Zwangsgedanken

Neben den oben genannten Beispielen gibt es verschiedene andere Zwangsgedanken, wie zum Beispiel die Sorge, bestimmte Dinge erinnern zu müssen, die übermäßige Sorge in Bezug auf bestimmte Körperteile, die übermäßige Beschäftigung mit bestimmten Geräuschen oder Musikstücken usw.

Was sind keine Zwangsgedanken?

Es gibt verschiedene Gedanken, bei denen die Unterscheidung zwischen Zwangsgedanken und anderen Krankheitsbildern nicht unbedingt leicht fällt.

So kann zum Beispiel die Sorge, dass in der Zukunft ein bestimmtes Unheil droht sowohl im Rahmen einer Zwangsstörung auftreten, wie auch bei einer Depression oder bei einer Generalisierten Angststörung.

Die Befürchtung, dafür verantwortlich zu sein, dass anderen Menschen etwas unangenehmes passiert, kann sowohl als Zwangsgedanke wie auch im Rahmen von ausgeprägten sozialen Ängsten auftreten.

Die oben genannten aggressiven Gedanken können im Rahmen von Zwangsgedanken oder zum Beispiel auch bei Impulskontrollstörungen etc. auftreten.

Eine genaue Unterscheidung in Zwangsgedanken und andere Krankheiten ist aber für die richtige Planung der Behandlung sehr wichtig und sollte deswegen von den Betroffenen gemeinsam mit einem erfahrenen Psychotherapeuten oder Nervenarzt erarbeitet werden.

Ursachen und “Trigger” von Zwangsgedanken

Die meisten Menschen mit Zwangsgedanken suchen immer wieder nach der Ursache für ihre Zwänge.

Bevor wir näher auf die Ursachen der Zwangsgedanken eingehen, müssen wir einen grundlegenden Unterschied betrachten: Was sind “Ursachen” und was sind “Trigger” (also “Auslöser”) für die Zwänge?

Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen “Ursachen” und “Auslösern”?

In der deutschen Sprache wird leider nur sehr ungenau zwischen den Begriffen “Ursache” und “Auslöser” unterschieden. Da aber die Unterscheidung zwischen diesen beiden Phänomenen - gerade bei Zwangsgedanken - sehr wichtig ist, möchten wir im Folgenden statt des Begriffes “Auslöser” den englischen Begriff “Trigger” verwenden. Um besser zwischen “Triggern” und “Ursachen” unterschieden zu können, müssen wir und die folgenden Punkte genauer ansehen:

Was sind Trigger für Zwangsgedanken?

Als Trigger bezeichnet man diejenigen Bedingungen, die in einer bestimmten Situation einen Zwangsgedanken auslösen können. Auffällig ist dabei, dass die Trigger oftmals in keinem Verhältnis zur Intensität des ausgelösten Zwangsgedankens stehen. So kann zum Beispiel der Anblick eines Küchenmessers den Zwangsgedanken “Ich könnt meine Kinder umbringen!” triggern.

Im Gegensatz zu den “Ursachen” der Zwänge ist ein Trigger aber nur der letztendliche Auslöser für den jeweils aktuellen Zwangsgedanken. Der Trigger sagt entsprechend nur wenig über die wirklichen Ursachen der Zwänge aus. Er ist vielmehr das Signal, auf das der Kopf mit dem Phänomen “Zwangsgedanken” reagiert.

Und die Ursachen der Zwangsgedanken...?

Die Frage nach den Ursachen für die Zwangsgedanken müssen wie uns ausführlicher ansehen, denn wie bei allen seelischen Erkrankungen kommen auch bei den Zwangsgedanken immer mehrere Faktoren zusammen, die schließlich im Auftreten der Zwänge münden.

Bei den oben beschriebenen Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter stehen dabei sehr oft große Ängste und Unsicherheiten im Hintergrund der Zwänge. Diese Ängste können die Betroffenen so stark belasten, dass sich “ihr Kopf” einen Ausweg aus diesen bedrohlichen Emotionen suchen muss. Dazu nimmt er sich - auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht unlogisch erscheinen mag - die Zwangsgedanken zur Hilfe.

Um sich dies genauer vorstellen zu können, sollten wir uns dazu wieder ein Beispiel ansehen. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seine Familie über alles liebt - und der sehr große Sorgen hat, dass einem Mitglied seiner Familie etwas zustoßen könnte. Dieser Mensch versucht alles dafür zu tun, dass seiner Familie nichts passiert. Und trotzdem - in der Realität wird er immer wieder erleben, dass er seine Familie nicht vor allen möglichen Gefahren und Bedrohungen schützen kann. Seine Sorgen um die Familie werden immer größer - und gleichzeitig wachsen in ihm Gefühle, gegenüber den “Bedrohungen” und dem “Schicksal” hilflos und ausgeliefert zu sein. Dies weckt in ihm große Gefühle der Schuld und den Gedanken “Ich müsste besser für meine Familie sorgen! Wenn ich das nicht schaffe, bin ich daran Schuld, wenn ihnen etwas passiert!”

Da er in der “realen” Welt für seine Familie keine hundertprozentige Sicherheit schaffen kann, versucht sein Kopf einen anderen Ausweg aus diesem Problem zu finden. Möglicherweise versucht er dann (unbewusst), die gefühlte “Bedrohung” durch “magische Zwangsgedanken” zu lösen. Daraus kann sich zum Beispiel die folgende Gedankenkette entwickeln, aus der heraus sich ein Zwangsgedanke bildet:

Mögliche Funktion der Zwangsgedanken
Tab.2: Mögliche Funktion der Zwangsgedanken

Auch wenn der Betroffenen in unserem Beispiel natürlich “aus der Distanz” weiß, dass er durch den Gedanken “Wenn ich immer wieder an das Wort ... denke, wird meiner Familie nichts passieren!” seine Familie in der Realität nicht wirklich beschützen kann, bleibt bei ihm doch diese Hoffnung, dass es vielleicht gerade dieser Gedanken ist, der seine Familie vor Unglück bewahrt. Der Zwangsgedanken bringt ihm so - wenn auch nur kurzfristig - eine gewisse Erleichterung und Reduktion seiner Anspannung (“Ich kann ja doch etwas für die Sicherheit meiner Familie machen...”).

Und jetzt gerät er leider sehr schnell in eine zunächst einmal ausweglose Situation - denn er muss den (Zwangs-)gedanken immer weiter einsetzen, da die scheinbare Bedrohung, die er für seine Familie erlebt, in der realen Welt nicht wirklich weniger wird. Er muss den Zwangsgedanken also immer weiter einsetzen - und einfach “weglassen” kann er ihn auch nicht, “denn dann wäre ich ja Schuld, wenn meiner Familie etwas zustößt...”. So gerät er immer weiter in einen Teufelskreis, in dem sich der Zwangsgedanke immer weiter verstärken kann.

Zu den Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter könnten wir noch viele andere Beispiel finden - aber lassen Sie uns zunächst zu den Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter schauen, da gerade diese die Betroffenen oftmals am meisten belasten.

Dazu wieder ein Erfahrungsbericht, der sehr typisch für diese Art der Zwangsgedanken ist:

Christian (39 J.): “Ich habe schon seit Jahren immer wieder darüber nachgegrübelt... Welche Ursache könnten denn meine Gedanken haben, dass ich zum Beispiel meine Partnerin mit dem Messer erstechen könnte...? Diese Gedanken können doch nur in meinem Kopf sein, weil ich in Wirklichkeit ein schlechter Mensch bin...? Oder...? Ich würde es nie tun... aber alleine, dass ich daran denke, beweist doch schon, dass ich ein schlechter Mensch sein muss...?? Oder nicht...? Aber jemand Normales hat doch bestimmt nicht solche Gedanken...? Also bin ich doch bestimmt ein Psychopath...! Bestimmt bekomme ich auch irgendwann noch Schizophrenie, wenn ich ständig so weitergrübele... Aber bin ich wirklich so ein Mensch, der so etwas tun könnte...?”

Gerade diese letzte Überlegung - “Bin ich wirklich so ein Mensch, der so etwas tun könnte?” - ist dabei sehr typisch für diese Art der Zwangsgedanken. Im Hintergrund steht dabei oft eine tiefgreifende Verunsicherung über sich selbst und die eigenen Stärken und Schwächen. Dazu im Folgenden mehr.

Zwangsgedanken: Der Kampf mit der eigenen Verunsicherung

Bei sehr vielen Zwangsgedanken steht immer wieder eine gemeinsame Ursache im Hintergrund: Die eigene Verunsicherung und die Sorge, “ein schlechter Mensch zu sein”.

Nehmen wir wieder ein Beispiel:

Ein Mensch ohne Zwangsgedanken fährt mit seinem Auto an einem Radfahrer vorbei. Nach der Passage des Radfahrers kommt ihm kurz der Gedanke “Ich könnte den Radfahrer angefahren haben!”. Er schaut in den Rückspiegel, sieht nichts besonderes - und fährt weiter. Nach spätestens zehn Sekunden hat er den Gedanken vergessen. Ganz anders der Ablauf bei einem Menschen mit einer Zwangserkrankung:

Der Betroffene fährt an dem Fahrradfahrer vorbei und denkt, “Ich könnte den Radfahrer angefahren haben!”. Er sieht in den Rückspiegel - und kann den Fahrradfahrer nirgends entdecken... Er fährt weiter und grübelt die nächsten fünf Minuten darüber nach, ob er den Radfahrer vielleicht doch angefahren haben könnte. Er hält die Unsicherheit nicht mehr aus - bremst - und fährt zurück zur vermeintlichen Unfallstelle. Aber dort liegt kein Radfahrer am Boden... Vielleicht ist er ja schon wieder aufgestanden und weitergefahren...? Oder vielleicht war der Krankenwagen ja so schnell da und ist schon wieder fort...? Liegen da irgendwo Scherben am Boden, die auf einen Unfall hindeuten könnten...? Was ist denn das für ein Stück Glas da am Boden...? Ist das ein Teil von seinem Fahrrad...? Und ich bin Schuld daran...! Ich werde nie wieder glücklich sein können...! Wenn meine Familie davon erfährt, dass ich den Radfahrer umgebracht habe... Sie werden nie wieder mit mir reden können... und alle im Ort werden mit dem Finger auf sie zeigen, weil sie mit mir verwandt sind... Ich bin ein schrecklicher Mensch... Dass ich meiner Familie so etwas antun konnte...”

Zwangsgedanken

Sie sehen schon: Die Bedeutung, die der Gedanke “Ich könnte den Radfahrer angefahren haben!” hat, unterscheidet sich immens zwischen einem Mensch ohne Zwangsgedanken und einem Menschen, der unter Zwängen leidet. Der Betroffene in unserem Beispiel grübelt vielleicht noch den ganzen restlichen Tag darüber nach, was wohl mit dem Radfahrer passiert sein könnte - und was er selbst doch für ein schrecklicher, verantwortungsloser Mensch ist, dass er seiner Familie so etwas antun konnte... Und seine Verunsicherung wächst und wächst immer weiter.

Eine ausführliche Übersicht über die Ursachen der Zwangsgedanken würde an dieser Stelle den Umfang des Textes zu groß machen. Für einen genaueren Überlick über die Ursachen der Zwänge können Sie gerne auf der folgenden Seite weiterlesen: Zwänge: Ursachen.

Therapie der Zwangsstörung mit Zwangsgedanken

Wenn man nach dem oben beschriebenen diagnostischen Prozess zu dem Ergebnis kommt, dass es sich bei den belastenden Gedanken um Zwangsgedanken im Rahmen einer Zwangsstörung handelt, können verschiedene therapeutische Methoden zum Einsatz kommen. Im Vordergrund stehen dabei die so genannte Psychoedukation, die Kognitive Therapie, die Expositionstherapie, die Assoziationsspaltung, die Psychodynamische Therapie sowie die Behandlung mit Medikamenten.

Psychoedukation

Die Psychoedukation ist der erste Schritt in der Behandlung der Zwangsgedanken - und jetzt dürfen Sie sich als Betroffener gerne selbst schon einmal kräftig auf die Schulter klopfen, denn in diesem Behandlungsschritt sind Sie bereits mitten drin. Unter “Psychoedukation” versteht man nämlich, die Aufklärung der Betroffenen - und wenn möglich auch ihrer Angehörigen - über die Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten der Zwänge.

Warum ist die Psychoedukation gerade bei Zwangsgedanken so wichtig?

Zu Beginn der Behandlung ist es gerade bei Zwangsstörungen mit Zwangsgedanken zunächst einmal sehr wichtig, dass die Betroffenen ausführlich über die Ursachen und Hintergründe der Zwangsgedanken aufgeklärt werden. Da Zwangsgedanken häufig aggressive, gewalttätige oder sexuelle Inhalte haben, sind sie für die Erkrankten oftmals stark schambesetzt. Und entsprechend groß ist das Bemühen der Betroffenen, die Zwangsgedanken “unter Kontrolle zu bekommen” und “zu verbergen”.

Menschen mit Zwangsgedanken sind leider zumeist im Laufe ihrer Erkrankung zu wahren Meistern darin geworden, ihre Zwangserkrankung vor anderen zu verbergen - aus der Sorge heraus, als verrückt oder als Psychopath zu gelten. Und aus der Angst, dass der “bösartige” Gedanke beim Aussprechen vielleicht noch mehr Bedeutung bekommen könnte.

Für viele Betroffene kann es deswegen zunächst einmal sehr wichtig sein, dass sie erfahren, dass Zwangsgedanken ein relativ häufiges Problem sind, von dem ca. 1% der Bevölkerung stark betroffen sind - und dass es sich bei Zwangsgedanken um eine Erkrankung handelt, die behandelt werden kann, nicht etwa um eine “persönliche Schwäche”.
br> Neben den Gespräch mit einem Therapeuten kann auch die Beschäftigung mit Büchern zum Thema sinnvoll sein. Empfehlenswert ist diesbezüglich sicherlich “Der Kobold im Kopf” von “Lee Baer (mehr zum Buch...). Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe kann für viele Erkrankte eine wertvolle Unterstützung sein.

Kognitive Therapie

Der nächste Schritt in der Behandlung ist die so genannte Kognitive Therapie. Bei dieser geht es unter anderem darum, belastende Gedanken und Befürchtungen der Betroffenen zu identifizieren und zu verändern. Viele Zwangserkrankte kennen zum Beispiel Befürchtungen wie “Wenn ich immer wieder an eine bestimmte Tat denken muss, werde ich die Gedanken bestimmt auch irgendwann umsetzen!.” oder “Wenn ich so schlimme Vorstellungen habe, bin ich ein schlechter Mensch!”.

In der Therapie werden deswegen zunächst die “persönlichen” belastenden Gedanken des jeweiligen Menschen erarbeitet, um dann nach einer kritischen Überprüfung mit Unterstützung durch die Therapeuten eine Veränderung hin zu hilfreicheren Gedanken zu erreichen.

Dies mag sich in der Theorie etwas “trocken” anhören. Die kognitive Therapie ist aber letztendlich ein wichtiges Handwerkszeug, mit dem die Betroffenen zukünftig ihre Zwangsgedanke eigenständig beeinflussen können.

Expositionstherapie

Ein wichtiges Element in der Behandlung von Zwängen ist die so genannten Expositionstherapie, auch Expositionstraining genannt. Diese basiert auf der Erkenntnis, dass gerade der Versuch, Gedanken zu unterdrücken, dazu führt, dass diese häufiger auftreten.

Dieses Phänomen können Sie selbst leicht testen, wenn Sie sich zum Beispiel einmal vornehmen, in der nächsten Minute NICHT an rosarote Elefanten zu denken . . . Sie merken vielleicht: Je mehr sich sich diesen Gedanken verbieten, umso mehr rosarote Elefanten fangen an, in Ihrem Kopf herumzuspuken - obwohl Sie vor ein paar Minuten bestimmt noch nicht an solche pinken Rüsseltiere gedacht haben. Und jetzt kann es schwierig werden: Je mehr ich mir vornehme, den Gedanken an diese Elefanten zu unterdrücken, um so mehr Ideen habe ich plötzlich, wo denn noch irgendwelche Dickhäuter versteckt sein könnnten... Sind Sie sich wirklich sicher, dass nicht gerade in Ihrem Bad ein rosaroter Elefant steht...? Oder in der Küche...? - Hmmmm... - Vielleicht sollte ich ich doch besser einmal nachschauen...! Sie merken vielleicht: Je mehr ich mir vornehme, an etwas NICHT zu denken, um so mehr kreist mein Kopf um diese Gedanken.

Etwas ähnliches passiert auch bei dem Versuch, sich die Zwangsgedanken zu verbieten: Je intensiver das Verbot, umso mehr Gedanken tauchen auf. Die Expositionstherapie versucht nun genau den entgegengesetzten Schritt, nämlich den Zwangsgedanken ihre Bedrohung zu nehmen, in dem man sich gedanklich und teilweise auch im realen Umfeld mit ihnen auseinandersetzt. Durch diese Exposition gelingt es den meisten Betroffenen, nach und nach den Zwangsgedanken ihre “Bedrohung” und damit auch ihre Bedeutung zu nehmen, so dass die Gedanken wieder immer mehr in den Hintergrund treten können.

Sehr viele Menschen mit Zwängen haben dabei zunächst einmal große Ängste vor der Expositionstherapie - Kann es nicht sein, dass meine Zwänge dadurch schlimmer werden...? Ich will doch meine Zwangsgedanken loswerden, und jetzt soll ich mich damit absichtlich konfrontieren...? Meine Gedanken sind so abscheulich, an die will ich gar nicht denken...!

Diese Einwände und Sorgen der Betroffenen sind berechtigt - und zum Glück unbegründet. Die Expositionstherapie gehört zu den am besten wissenschaftlich untersuchten Behandlungsmethoden in der Therapie der Zwangsstörungen und zu einer der wenigen Therapieformen, mit denen die Zwänge auch langfristig wirklich reduziert werden können.

Assoziationsspaltung

Eine neuere therapeutische Technik in der Behandlung der Zwangsgedanken ist die so genannte Assoziationsspaltung in Anlehnung an S. Moritz und L. Jelinek vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Diese Technik basiert auf der Beobachtung, dass bestimmte Gedanken bzw. Assoziationen von unserem Gehirn ohne unser weiteres Zutun miteinander verknüpft werden.

Sie können dies wieder an einem Beispiel selbst ausprobieren: Denken Sie einmal an Geld, Aktien, Sparbücher, Wertpapiere. Wenn wir jetzt als nächstes das Wort “Bank” nehmen, richtet ihr Gehirn seine Gedanken vermutlich zunächst auf ein entsprechendes Geldinstitut und weniger auf eine Parkbank, Sonnenbank, Eckbank oder ähnliches. Durch die Worte wie “Geld” usw. haben wir also ganz bestimmte Assoziationen für den Begriff “Bank” vorgebahnt. Ganz anders wäre es gewesen, wenn wir vorher Begriffe wie Park, Bäume, Sitzen usw. benutzt hätten. Durch letzere wäre ihr Gehirn in seiner Vorstellung sicherlich eher bei einer Parkbank gelandet. Die Vorstellung des Gehirns zum Wort “Bank” kann also durch bestimmte Assoziationen in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Etwas ähnliches kann auch bei Zwangsgedanken passieren: Bestimmte “neutrale” oder “positive” Kognitionen - wie z.B. “Autofahren” und “Fußgänger” - können dann leicht mit bedrohlichen Assoziationen - wie “Unfall”, “Tod”, “Schuld” usw. - verknüpft werden. Bei dem Betroffenen kann dann alleine die Vorstellung, beim Autofahren einem Fußgänger zu begegnen, dazu führen, dass das Gehirn seine Wahrnehmung in Richtung “Ich könnte den Fußgänger überfahren haben! Ich bin Schuld!” lenkt.

Bei der Technik der Assoziationsspaltung wird deswegen versucht, diese ungesunden Verknüpfungen wieder zu lösen und den neutralen bzw. positiven Assoziationen wieder einen Raum zu geben.

Was ist eine Verhaltenstherapie bei Zwangsgedanken?

Vielleicht haben Sie schon einmal gelesen, dass die so genannte Verhaltenstherapie als wirksamtes Therapieverfahren in der Behandlung der Zwangsgedanken gilt. Als Verhaltenstherapie - genauer gesagt als Kognitive Verhaltenstherapie, auch Kognitiv-behaviorale Therapie genannt - versteht man dabei die Kombination aus den eben beschriebenen Therapieverfahren der Psychoedukation, Kognitiven Therapie und Expositionstherapie.

Psychodynamische Therapie

Zwänge und Zwangsgedanken haben oftmals ihre Wurzeln in früheren belastenden Lebenssituationen, die unbewusst weiterhin einen Einfluss auf unser Denken und Erleben haben können. Während mit den oben beschriebenen Techniken vorrangig versucht wird, in der aktuellen Situation eine Veränderung zu erzielen, richtet sich das Ziel der Psychodynamischen Therapie, auch Tiefenpsychologische Therapie genannt, unter anderem darauf, diese unbewussten Prozesse aufzudecken und zu bearbeiten.

Welche Medikamente helfen bei Zwangsgedanken?

Ergänzend zu den eben genannten psychotherapeutischen Behandlungsmethoden kann für einige Erkrankten auch eine Behandlung der Zwangsgedanken mit Medikamenten sinnvoll sein. Dabei werden insbesondere die so genannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt.

In Deutschland sind unter anderem die SSRI Fluoxetin, Fluvoxamin, Escitalopram und Paroxetin zur medikamentösen Behandlung der Zwangsstörung zugelassen. Dabei ist zu beachten, dass die Dosierung dieser Medikamente bei schweren Zwangserkrankungen häufig höher liegen muss als in der Depressionsbehandlung. Außerdem muss unbedingt beachtet werden, dass die SSRI bis zu 10 Wochen benötigen, bis ihre Wirkung einsetzt, denn viele Patienten setzen die Medikamente bereits nach einigen Wochen wieder ab, weil sie noch keine Wirkung verspüren.

Falls die SSRI nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden, kann zum Beispiel ein Behandlungsversuch mit Clomipramin durchgeführt werden.

Medikamente bei Zwangsgedanken
Tab.3: Medikamente bei Zwangsgedanken

Welche Therapie ist die Beste für Zwangsgedanken?

Wir werden häufig mit der Frage konfrontiert, welche Therapie “die Beste” sei. Diese Frage lässt sich wie folgt beantworten: Die “Beste Therapie für Zwangsgedanken” besteht in den meisten Fällen aus einer an das individuelle Krankheitsbild der Betroffenen angepassten Kombination aus den eben vorgestellten Therapien, denn gerade durch den Einsatz der verschiedenen Behandlungstechniken lassen sich oftmals die besten und anhaltendsten Erfolge erreichen.

Das Fazit: Wie werde ich meine Zwangsgedanken los?

Dazu wieder ein kurzes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne lernen, wie Sie den Motor Ihres Autos reparieren können. Sie können dies sicherlich auch ganz alleine nur über über Informationen aus Büchern oder aus dem Internet probieren. Aber leichter fällt es doch, wenn Sie sich zusätzlich von einem erfahrenen Automechaniker zeigen lassen, wie es geht.

Sie merken schon, ähnliches gilt auch für Zwangsgedanken: Am besten nicht alleine! Bitten Sie ihren Hausarzt, dass er sie zu einem erfahrenen Psychiater und zu einem Psychotherapeuten überweist. Dies ist für Sie zwar zunächst etwas aufwändig, aber bevor die Behandlung der Zwangsgedanken wirklich beginnen kann, müssen Sie zunächst einmal zusammen mit den Ärzten herausbekommen, welche Art von Zwängen überhaupt besteht, welche seelischen Beeinträchtigungen vielleicht neben den Zwängen auch in der Therapie beachtet werden müssten, und welche Erkrankungen hoffentlich nicht bestehen.

Dies braucht zwar alles Zeit, aber die richtige Diagnose muss einfach am Anfang der Behandlung stehen, damit Sie nicht lange am “falschen” Punkt arbeiten, ohne dass sie Erfolge erzielen. Und wenn Sie es mit der Zeit vergleichen, die Ihnen die Zwangsgedanken im Alltag “stehlen”, dann sind die Arztbesuche zum Glück nur ein kleiner Bruchteil davon.

...und wie lange dauert das Ganze??

Eine sehr berechtigte Frage, aber leider nur schwer zu beantworten, da jeder Mensch und jede Zwangssymptomatik unterschiedlich sind. Wenn Sie sich vorstellen, wie lange Ihre Zwangsgedanken Zeit hatten, sich in Ihrem Gehirn “festzusetzen”, können Sie sich sicher vorstellen, dass es nicht unbedingt einfach ist, die Zwänge wieder los zu werden.

Viele Menschen bemerken eine erste Besserung, nachdem sie die oben genannten Medikamente über einige Wochen bis Monate eingenommen haben. Dies kann schon einmal eine erste Erleichterung bringen und den Alltag wieder etwas einfacher machen. Nun kommt der nächste, schwierigere Schritt: Im Rahmen einer Psychotherapie versuchen, die Zwänge so weit in den Griff zu bekommen, dass vielleicht langfristig gar keine Medikamente mehr notwendig sind.

Die Psychotherapie braucht jedoch Zeit: Sie werden mit Ihrer Psychotherapeutin / Ihrem Psychotherapeuten ausführlich die Ursachen für die Zwänge erarbeiten, Sie werden lernen, wie Sie auch ohne die Zwangsgedanken leben können, und wie Sie die Befürchtungen, die mit den Zwängen einhergehen, bewältigen können. Zum Glück sind Sie keine Maschine, die man einfach umprogrammieren könnte. Die Zwangstherapie braucht deswegen Zeit: Zeit, bis sich das Leben ohne die Zwänge wirklich wieder “normal” anfühlt. Zeit, bis sich die Veränderungen wirklich fest in Ihrem Alltag durchgesetzt haben. Zeit, bis sich die Erinnerungen an die Zwangsgedanken nur noch wie ein böser Traum anfühlen.

Sie merken schon, wir sprechen eher von Monaten und Jahren, statt von Tagen und Wochen. Dies heißt aber nicht, dass Sie die nächsten Jahre jeden Tag zum Therapeuten gehen müssen. Die Psychotherapeuten werden mit Ihnen vielmehr zu Beginn der Therapie in wöchentlichen Sitzungen die wichtigsten Grundlagen der Zwangstherapie erarbeiten. Im weiteren Verlauf geht es dann vorrangig darum, dass Sie zunehmend auch selbstständig ausprobieren können, das in der Therapie erarbeitete im Alltag einzusetzen. In den Sitzungen mit Ihren Therapeuten werden Sie dann vorrangig noch besprechen, wo es vielleicht im Alltag noch Probleme gegeben hat, und was sie vielleicht noch verändern könnten. Die Psychotherapie wird dann in immer größeren Abständen stattfinden, damit Sie zunehmend lernen, dass Sie SELBST die Zwänge beherrschen können, mit ihren eigenen Kräften und Ressourcen.