Zwangsstörungen: Ursachen

Psychoanalytische und tiefenpsychologische Modelle

Nach der psychoanalytischen Theorie liegt den Zwangserkrankungen ein Konflikt in der Analen Phase zugrunde. In der Analen Phase, d.h. im ca. 2.-3. Lebensjahr, strebt das Kind nach Autonomie, wodurch es in (äußere) Konflikte mit den Eltern geraten kann. Wenn diese Bestrebungen des Kindes nach Autonomie wiederholt eingeschränkt oder durch “Liebesentzug” bestraft werden, kann dies nach der psychoanalytischen Theorie bei den Betroffenen zu einem sehr strengen und übermoralischen Über-Ich führen.

Hieraus kann sich im Verlauf ein sogenannter Abhängigkeit versus Autonomie-Konflikt entwickeln. Aufkommende sexuelle oder aggressive Triebimpulse werden von dem strengen Über-Ich verurteilt, so dass das Ich seine Rolle als Vermittler zwischen Über-Ich und dem Es nicht mehr adäquat erfüllen kann.

Als Folge daraus entsteht als neurotische Problemlösung die Zwangssymptomatik, bei der die Triebimpulse durch die Zwangsrituale neutralisiert werden.

Typische Abwehrmechanismen der Erkrankten sind z.B. Affektisolierung, Intellektualisierung, Rationalisierung, Ungeschehenmachen und Reaktionsbildung.

Weiterlesen: Psychodynamische Psychotherapie

Kognitive und behaviorale Modelle

Zwei-Faktoren-Theorie nach Mowrer

Die Zwei-Faktoren-Theorie wurde 1947 von dem US-amerikanischen Psychologen Orval Hobart Mowrer aufgestellt, um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen zu beschreiben.

Mowrer postuliert, dass Mechanismen der klassischen Konditionierung zur Entstehung der Angstsymptomatik beitragen, während Faktoren der operanten Konditionierung für die Aufrechterhaltung der Angststörung verantwortlich sind.

Die von Mowrer in Bezug auf die Angststörungen beschriebenen Effekte der Konditionierung können auch bei Zwangsstörungen auftreten. Dabei gibt es jedoch viele Erkrankte, bei denen neben Faktoren der klassischen Konditionierung auch andere Mechanismen zur Entstehung der Zwangsstörung beigetragen haben.

Den von Mowrer postulierten Einfluss der operanten Konditionierung auf die Aufrechterhaltung bzw. Fixierung der Zwangsstörung kennen demgegenüber viele Patienten aus ihren eigenen Erfahrungen.

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Kognitives Modell nach Paul Salkovskis

Paul Salkovskis versucht in seinem Kognitiven Modell der Zwangsstörung zu erklären, wie sich aus den so genannten “normal obsessions” eine Zwangsstörung entwickeln kann.

Normal obsessions

Jeder Mensch erlebt immer wieder Gedanken, die sich aufdrängen, die so genannten Normal Obsessions. Aus diesen Gedanken entsteht aber üblicherweise keine Zwangstörung, da die Gedanken keine Ängste auslösen und deswegen von den Betroffenen auch keine Neutralisierung erforderlich machen.

Wenn sich ein solcher Gedanke aufdrängt, besteht der gesunde Umgang mit diesen Gedanken darin, die Gedanken nicht zu bewerten, sondern sie zu ignorieren, die so genannte Internale Löschung.

Menschen mit Zwangsstörungen erleben ihre Gedanken jedoch häufig als sehr bedrohlich oder angstauslösend. Diese emotionale, “affektive” Bewertung der aufdrängenden Gedanken kann dazu führen, dass die Erkrankten in den Druck geraten, ihre Gedanken durch ein Zwangsritual neutralisieren zu müssen.

Diese scheinbare Neutralisierung der Gedanken führt - zumindest kurzfristig - zu einer Reduktion der Anspannung. Hieraus kann sich ähnlich wie bei den Angststörungen ein Teufelskreis entwickeln, der schließlich in einer zunehmenden Zwangssymptomatik münden kann.

Diesen Zusammenhang beschreibt Paul Salkovskis in seinem Kognitiven Modell der Zwangsstörung wie folgt:

Da die Erkrankten durch die Ausführung des Zwangsrituals eine (kurzfristige) Erleichterung ihrer Angst oder Unruhe erreichen, werden die Zwänge zunächst (unbewusst) als eine “hilfreiche” Strategie im Umgang mit den Sorgen und Befürchtungen erlebt.

Im Verlauf der Zwangsstörung verlieren die Zwänge diese anspannungsreduzierende Funktion aber zunehmend, so dass die Erkrankten dann immer mehr bzw. immer elaboriertere Zwangsrituale ausüben müssen, um noch eine Spannungsreduktion zu erreichen. Dadurch kann eine Art Suchteffekt entstehen, durch den sich die Zwänge immer weiter ausbreiten.


Dysfunktionale Kognitionen

Ein großer Einfluss an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsstörung wird den sogenannten Dysfunktionalen Kognitionen zugeschrieben. Dabei können verschiedene so genannte Denkfallen unterschieden werden, z.B.:

Neurobiologische Modelle

Es werden verschiedene neurobiologische Modelle bezüglich möglicher Ursachen der Zwangsstörungen diskutiert. Insbesondere Veränderungen des Serotonin-Stoffwechsels sowie Anomalien im Bereich bestimmter Gehirnstrukturen werden in Zusammenhang mit der Zwangsstörung diskutiert.

Neuroanatomische Modelle

In den neuroanatomischen Modellen der Zwangsstörung werden u.a. eine Störung im orbitofrontalen Kortex bzw. im Bereich der Basalganglien diskutiert. Dabei wird eine Überaktivität des orbitofrontalen Kortex und/oder eine gestörte modulatorische Funktion des Nucleus caudatus vermutet. Diese Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass neurologische Erkrankungen, die mit einer Schädigung der Basalganglien einhergehen (z.B. Chorea minor, Gilles-de-la-Tourette-Syndrom), bei den Betroffenen zum Auftreten von Zwangssymptomen führen können.

Serotonin-Hypothese

Aufgrund von Wirksamkeitsuntersuchungen bei verschiedenen Medikamenten wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Serotonin-Wiederaufnahmehemmung (z.B. durch SSRI oder Clomipramin) eine Besserung der Zwangssymptomatik bewirken kann. Auch Substanzen wie der 5-HT1A-Partialagonist Buspiron scheinen die Zwangssymptomatik positiv zu beeinflussen. Die Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung scheint demgegenüber keinen relevante Einfluss auf die Zwangsstörung zu haben.

Zwänge als Medikamenten-Nebenwirkung

Die oben genannte Hypothese, dass neurobiologische Faktoren eine mögliche Ursache für Zwangsstörungen sein können, wird auch dadurch bestätigt, dass bestimmte Medikamente als Nebenwirkung Zwangssymptome auslösen können. Entsprechend Nebenwirkungen wurden u.a für bestimmte Neuroleptika wie z.B. Clozapin und Olanzapin beschrieben.