Klinische Psychologie
und Psychotherapie

Klinische Psychologie und Psychotherapie

Zwangsstörungen:
Ursachen und Erklärungsmodelle

Psychoanalytische und tiefenpsychologische Modelle

Nach der psychoanalytischen Theorie liegt den Zwangserkrankungen ein Konflikt in der Analen Phase zugrunde. In der  Analen Phase, d.h. im ca. 2.-3. Lebensjahr, strebt das Kind nach Autonomie, wodurch es in (äußere) Konflikte mit den Eltern geraten kann. Wenn diese Bestrebungen des Kindes nach Autonomie wiederholt eingeschränkt oder durch „Liebesentzug“ bestraft werden, kann dies nach der psychoanalytischen Theorie bei den Betroffenen zu einem sehr strengen und übermoralischen Über-Ich führen.

Hieraus kann sich im Verlauf ein sogenannter Abhängigkeit versus Autonomie-Konflikt entwickeln. Aufkommende sexuelle oder aggressive Triebimpulse werden von dem strengen Über-Ich verurteilt, so dass das Ich seine Rolle als Vermittler zwischen Über-Ich und dem Es nicht mehr adäquat erfüllen kann.

Als Folge daraus entsteht als neurotische Problemlösung die Zwangssymptomatik, bei der die Triebimpulse durch die Zwangsrituale neutralisiert werden.

Typische Abwehrmechanismen der Erkrankten sind z.B. Affektisolierung, Intellektualisierung, Rationalisierung, Ungeschehenmachen und Reaktionsbildung.

© Dr. Sandra Elze & Dr. Michael Elze
Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.com
 

Kognitive und behaviorale Modelle

Zwei-Faktoren-Theorie nach Mowrer

Die Zwei-Faktoren-Theorie wurde 1947 von dem US-amerikanischen Psychologen Orval Hobart Mowrer aufgestellt, um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen zu beschreiben.

Mowrer postuliert, dass Mechanismen der klassischen Konditionierung zur Entstehung der Angstsymptomatik beitragen, während Faktoren der operanten Konditionierung für die Aufrechterhaltung der Angststörung verantwortlich sind.

Die von Mowrer in Bezug auf die Angststörungen beschriebenen Effekte der Konditionierung können auch bei Zwangsstörungen auftreten. Dabei gibt es jedoch viele Erkrankte, bei denen neben Faktoren der klassischen Konditionierung auch andere Mechanismen zur Entstehung der Zwangsstörung beigetragen haben.

Den von Mowrer postulierten Einfluss der operanten Konditionierung auf die Aufrechterhaltung bzw. Fixierung der Zwangsstörung kennen demgegenüber viele Patienten aus ihren eigenen Erfahrungen.
 

Kognitives Modell nach Paul Salkovskis

Paul Salkovskis versucht in seinem Kognitiven Modell der Zwangsstörung zu erklären, wie sich aus den so genannten “normal obsessions” eine Zwangsstörung entwickeln kann.

Normal obsessions

Jeder Mensch erlebt immer wieder Gedanken, die sich aufdrängen, die so genannten Normal Obsessions. Aus diesen Gedanken entsteht aber üblicherweise keine Zwangstörung, da die Gedanken keine Ängste auslösen und deswegen von den Betroffenen auch keine Neutralisierung erforderlich machen.

Wenn sich ein solcher Gedanke aufdrängt, besteht der gesunde Umgang mit diesen Gedanken darin, die Gedanken nicht zu bewerten, sondern sie zu ignorieren, die so genannte Internale Löschung.

Menschen mit Zwangsstörungen erleben ihre Gedanken jedoch häufig als sehr bedrohlich oder angstauslösend. Diese emotionale, „affektive“ Bewertung der aufdrängenden Gedanken kann dazu führen, dass die Erkrankten in den Druck geraten, ihre Gedanken durch ein Zwangsritual neutralisieren zu müssen.

Diese  scheinbare Neutralisierung der Gedanken führt - zumindest kurzfristig - zu einer Reduktion der Anspannung. Hieraus kann sich ähnlich wie bei den Angststörungen ein Teufelskreis entwickeln, der schließlich in einer zunehmenden  Zwangssymptomatik münden kann.

Diesen Zusammenhang beschreibt Paul Salkovskis in seinem Kognitiven Modell der Zwangsstörung wie folgt:

  • Ein Mensch wird mit einem potentiell zwangsauslösenden Stimulus konfrontiert. Dies kann eine reale äußere Situation sein oder eine innere Situation, wie z.B. eine Erinnerung. Dabei drängt sich ihm ein Gedanke auf (z.B. „Ich könnte den Passanten angefahren haben...!“, „Meiner Mutter könnte etwas zugestoßen sein...!“, „Ich könnte meiner Familie etwas antun...!“).
  • Dieser Gedanke wird vom Betroffenen bewusst oder unbewusst als „katastrophal“, „moralisch verwerflich“, „unerträglich“ o.ä. bewertet.
  • Diese emotionale Bewertung des Gedanken führt dazu, dass der Betroffene ausgeprägte belastende emotionale Reaktionen wie z.B. Angst, Anspannung und/oder Unruhe verspürt.
  • Diese Emotionen sind so aversiv und belastend, dass der Drang entsteht, die belastenden Gefühle und Gedanken zu Neutralisieren, um sich wieder von ihnen zu lösen.
  • Der Erkrankte führt eine Zwangshandlung oder ein Gedankenritual durch, wodurch er für einen kurzen Moment eine Reduktion der Anspannung erreicht.

Da die Erkrankten durch die Ausführung des Zwangsrituals eine (kurzfristige) Erleichterung ihrer Angst oder Unruhe erreichen, werden die Zwänge zunächst (unbewusst) als eine „hilfreiche“ Strategie im Umgang mit den Sorgen und Befürchtungen erlebt.

Im Verlauf der Zwangsstörung verlieren die Zwänge diese anspannungsreduzierende Funktion aber zunehmend, so dass die Erkrankten dann immer mehr bzw. immer elaboriertere Zwangsrituale ausüben müssen, um noch eine Spannungsreduktion zu erreichen. Dadurch kann eine Art Suchteffekt entstehen, durch den sich die Zwänge immer weiter ausbreiten.

Dysfunktionale Kognitionen

Ein großer Einfluss an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsstörung wird den sogenannten Dysfunktionalen Kognitionen zugeschrieben. Dabei können verschiedene so genannte Denkfallen unterschieden werden, z.B.:

  • Konsequenzen der eigenen Handlungen überschätzen: Die Betroffene überschätzen die Konsequenzen ihrer Handlungen, z.B. „Wenn ich den Herd anlasse, wird das Haus abbrennen!“ (bzw. „...werde ich katastrophales Unheil über mich und meine Familie bringen!“).
  • Eintreffenswahrscheinlichkeit von Ereignissen überschätzen: Die Betroffene überschätzen die Wahrscheinlichkeit, mit der ein befürchtetes Ereignis eintrifft, z.B. „Wenn ich die Tür nicht abschließe, wird das Haus ausgeraubt!“.
  • Eigene Verantwortung überschätzen: Die Betroffene überschätzen ihre eigene Verantwortung für bestimmte Konsequenzen, z.B. „Wenn ich die Türklinke nicht abgewischt habe, bin ich dafür verantwortlich, wenn sich jemand anders daran infiziert!“.
  • Bedeutung der Zwangsgedanken überschätzen: Die Betroffenen überschätzten die Bedeutung, die ihre Zwangsgedanken haben, z.B. „Wenn ich nur an ... denke, wird ... passieren!“.
  • Nach Sicherheit oder Kontrolle streben: Die Betroffenen versuchen, eine „100%ige“ Absicherung bzw. Kontrolle zu erreichen, z.B. „Wenn ich die Bücher sortiert habe, kann ich die Prüfung bestehen!“).
  • Magische Verknüpfungen erstellen: Die Betroffenen entwickeln magische Verknüpfungen wie z.B. „Wenn ich den Zaunpfahl angefasst habe, wird meiner Frau nichts passieren!“.
     

© Dr. Sandra Elze & Dr. Michael Elze
Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.com
 

 

Neurobiologische Modelle

Es werden verschiedene neurobiologische Modelle bezüglich möglicher Ursachen der Zwangsstörungen diskutiert. Insbesondere Veränderungen des Serotonin-Stoffwechsels sowie Anomalien im Bereich bestimmter Gehirnstrukturen werden in Zusammenhang mit der Zwangsstörung diskutiert.

Neuroanatomische Modelle

In den neuroanatomischen Modellen der Zwangsstörung werden u.a. eine Störung im orbitofrontalen Kortex bzw. im Bereich der Basalganglien diskutiert. Dabei wird eine Überaktivität des orbitofrontalen Kortex und/oder eine gestörte modulatorische Funktion des Nucleus caudatus vermutet. Diese Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass neurologische Erkrankungen, die mit einer Schädigung der Basalganglien einhergehen (z.B. Chorea minor, Gilles-de-la-Tourette-Syndrom), bei den Betroffenen zum Auftreten von Zwangssymptomen führen können.

Serotonin-Hypothese

Aufgrund von Wirksamkeitsuntersuchungen bei verschiedenen Medikamenten wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Serotonin-Wiederaufnahmehemmung (z.B. durch SSRI oder Clomipramin) eine Besserung der Zwangssymptomatik bewirken kann. Auch Substanzen wie der 5-HT1A-Partialagonist Buspiron scheinen die Zwangssymptomatik positiv zu beeinflussen. Die Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung scheint demgegenüber keinen relevante Einfluss auf die Zwangsstörung zu haben.

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Zwänge als Medikamenten-Nebenwirkung

Die oben genannte Hypothese, dass neurobiologische Faktoren eine mögliche Ursache für Zwangsstörungen sein können, wird auch dadurch bestätigt, dass bestimmte Medikamente als Nebenwirkung Zwangssymptome auslösen können. Entsprechend Nebenwirkungen wurden u.a für bestimmte Neuroleptika wie z.B. Clozapin und Olanzapin beschrieben.

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Zum Weiterlesen...

 

“Wenn Zwänge das Leben einengen”
 

Wenn Zwänge das Leben einengen

”Wenn Zwänge das Leben einengen” von Dr. Birgit Hofmann und Dr. Nicolas Hoffmann bietet zunächst einen Überblick über das Thema Zwangsstörungen, gefolgt von einer ausführlichen Erläuterung der verschiedenen Zwangserkrankungen, jeweils ergänzt durch praktische Übungen und Hilfen. Neben den verschiedenen Zwangshandlungen, wie z.B. Reinigungs-, Ordnungs- oder Sammelzwängen, werden auch Zwangsgedanken und “Grübelzwänge” sowie deren Behandlungsmöglichkeiten ausführlich beschrieben. Ergänzt wird das Buch durch ein Kapitel für Angehörige. Das Buch ist auch als eBook erhältlich.
 

Weiterlesen: “Wenn Zwänge das Leben einengen” - Buchrezension

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Literatur

Zwangsstörungen: Fachbücher
 

American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). Arlington: American Psychiatric Publishing.
Dieses Buch bei Amazon.de >>

 

Zwangsstörungen: Leitlinien
 

DGPPN (2013): S3-Leitlinie Zwangsstörungen.
Full text (pdf) >>

 


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Letzte Aktualisierung: Freitag, 25. März 2016
 

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