Zyklothyme Störung

Unter dem Begriff Zyklothyme Störung (auch Zyklothymia bzw. Zyklothymie genannt) versteht man heute nach den internationalen Diagnose-Systemen ICD-10 und DSM-5 eine Erkrankung, die durch eine andauernde Instabilität der Stimmung mit einem Wechsel zwischen zahlreichen depressiven Phasen und Phasen leicht gehobener Stimmung (Hypomanie) charakterisiert ist, bei der die depressiven oder hypomanen Phasen aber nicht so ausgeprägt, dass sie die Kriterien für eine Bipolare affektive Störung oder eine Rezidivierende depressive Störung erfüllen würden.

Ursprünglich wurde der Begriff “Zyklothymie” 1880 von dem deutschen Psychiater Karl Ludwig Kahlbaum eingeführt, der damit die These betonen wollte, dass es sich bei manischen und depressiven Episoden um Phasen der gleichen Krankheit handelt.

Aktuell wird der Begriff “Zyklothymie” aus diesen historischen Gründen im deutschen Sprachraum zum Teil anders verwandt, als in den internationalen Diagnose-Systemen. In Anlehnung an Kahlbaum wird er im deutschen Sprachgebrauch manchmal analog zu den Begriffen “bipolare Erkrankung” oder “manisch-depressive Erkrankung” verwendet.

Epidemiologie

Die Zyklothyme Störung hat eine Lebenszeitprävalenz von ca. 0,5-1%. Die Zyklothyme Störung kommt gehäuft bei Verwandten von Patienten mit Bipolarer affektiver Störung vor. Einige Patienten mit Zyklothymer Störung entwickeln schließlich im Verlauf selbst eine Bipolare affektive Störung.

Symptome

Die Phasen mit den sogenannten hypomanen Symptomen sind durch eine anhaltend gehobene, expansive oder reizbare Stimmung gekennzeichnet, die über mindestens 4 Tage Dauer anhält.

Zusätzlich treten in der hypomanen Phase Symptome auf wie

In den depressiven Phasen kann es zum Auftreten von Symptomen wie Stimmungstief, Gedankenkreisen und Grübeln, übermäßigen Schuldgefühlen, vermindertem Selbstwertgefühl usw. kommen.

Definition nach ICD-10

Die Internationalen Klassifikation der Krankheiten (International Classification of Diseases - ICD-10) definiert die Zyklothyme Störung (Zyklothymia, ICD-10 F34.0) als eine Erkrankung, die durch eine andauernde Instabilität der Stimmung mit einem Wechsel zwischen zahlreichen depressiven Phasen und Phasen leicht gehobener Stimmung (Hypomanie) charakterisiert ist. Die depressiven oder hypomanen Phasen sind aber nicht so ausgeprägt, dass sie die Kriterien für eine Bipolare affektive Störung (ICD-10 F31) oder eine Rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33) erfüllen.

(vgl. Dilling 2011, Dilling 2013, DIMDI 2014)

Diagnosestellung nach DSM-IV

Nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) wird die Diagnose Zyklothyme Störung (DSM-IV 301.13) gestellt, wenn die Betroffenen für die Dauer von mindestens 2 Jahren unter zahlreichen Episoden mit hypomanen Symptomen und zusätzlichen zahlreiche Episoden mit depressiven Symptomen leiden. In diesem Zeitraum darf kein durchgehend symptomfreies Intervall von zwei Monate oder länger bestanden haben.

Die Perioden mit hypomanen Symptomen müssen durch eine anhaltend gehobene, expansive oder reizbare Stimmung über mindestens 4 Tage Dauer gekennzeichnet sein.

In den hypomanen Phasen müssen zusätzlich mindestens 3 (mindestens 4 bei ausschließlich reizbarer Stimmung) weitere der unten genannten hypomanen Symptome bestehen. Symptome, die durch eine antidepressive Medikation oder körperliche Faktoren bedingt sind, dürfen nicht mit berücksichtigt werden:

Die hypomane Perioden dürfen nicht schwer genug sein, um deutliche soziale oder berufliche Funktionsbeeinträchtigung zu verursachen oder eine Klinikaufnahme zu erfordern. Es dürfen auch keine psychotischen Symptome bestehen, da ansonsten die Kriterien für eine Manische oder Gemischte Episode erfüllt wären und entsprechend eine Zyklothyme Störung nicht diagnostiziert werden dürfte.

Während der ersten beiden Jahre der Störung (bei Kindern/Heranwachsenden ein Jahr) darf zu keinem Zeitpunkt eine Episode einer Major Depressi“überlagerte Episoden” auftreten.

Die Symptome dürfen nicht besser durch eine schizoaffektive Störung erklärt werden. Es darf keine psychotische bzw. wahnhafte Störung bestehen. Die Symptome dürfen nicht durch die Wirkung einer Substanz (z.B. Drogen oder Medikamente) oder einen körperlichen Krankheitsfaktor verursacht sein.

Die Symptome müssen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.

Als Differentialdiagnose kommen u.a. die Dysthyme Störung (DMS-IV 300.4), die Anpassungsstörung mit depressiver Stimmung (DMS-IV 309.0), die Bipolare Störung (DMS-IV 296.xx), eine Episode einer Major Depression (DMS-IV 296.xx) oder eine Depressive Störung NNB (DMS-IV 311) in Betracht.

(vgl. Saß 2003)

Zyklothymie (DSM-5 301.13): Diagnosekriterien nach DSM-5

Die 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders - DSM-5 wurde im Mai 2013 von der American Psychiatric Association (APA) veröffentlicht.

Eine tabellarische Übersicht der DSM-5-Diagnoseschlüssel für die Zyklothymie (301.13) und die weiteren Affektiven Erkrankungen finden Sie im Kapitel Affektive Störungen.

(vgl. APA 2013)

Therapie

Die Therapie der Zyklothymen Störung ist bisher nur wenig wissenschaftlich untersucht. Soweit bekannt kann falls erforderlich die Pharmakotherapie mit Lithium, Carbamazepin oder Valproinsäure hilfreich sein. Die Gabe von Antidepressiva kann kritisch sein, da die alleinige Antidepressiva-Gabe bei ca. der Hälfte der Zyklothymie-Patienten zum Auftreten von hypomanen oder manischen Symptomen führen kann.